London gilt als offene Stadt – das reicht für Rechtspopulisten, um ein Feindbild zu konstruieren. Aussagen von Trump und Farage schlagen in dieselbe Kerbe. Helfen können nur Fakten, so Londons Bürgermeister.
Glaubt man Donald Trump, ist London ein so schlimmes Pflaster, dass man sich dort kaum allein auf die Straße trauen kann. “Schau dir die Kriminalität in London an. Meine Mutter liebte London, sie liebte diese Stadt. Heute werden Menschen in den Hintern gestochen oder Schlimmeres”, sagte der US-Präsident über Großbritanniens Hauptstadt.
Auch Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Reform-Partei in Großbritannien, macht gern generalisierende Statements über Londons Kriminalitätsrate. Zum Beispiel zu einem angeblich massiven Anstieg “aller Arten von Straftaten”. Das stimmt nicht. Natürlich gibt es in London Kriminalität, vor allem die Zahl der Handy-Diebstähle und Einbrüche in Geschäfte hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Aber schwerwiegendere Verbrechen nehmen ab. Nach kürzlich veröffentlichten Zahlen ist die Mord- und Tötungsrate zum Beispiel so niedrig wie seit zehn Jahren nicht.
“Das Ziel ist es, London als Hölle des Verbrechens darzustellen”
Das London-Bashing sei ein Narrativ, das auf Anekdoten statt auf Beweisen beruhe und mit dem klaren Fokus verbreitet werde, Communities zu terrorisieren, sagt Georgios Samaras dazu. Er ist Politikwissenschaftler am King’s College in London und forscht seit sechs Jahren zum Aufstieg extrem rechter Parteien und Autoritarismus in Europa.
“Das Ziel ist es, London als Hölle des Verbrechens darzustellen, und zwar weil die Stadt divers ist. Weil sie politisch liberal ist, die progressivste Stadt im Vereinigten Königreich. Dieses Narrativ wird von verschiedenen Gruppen unerbittlich vorangetrieben, um London als eine gefährliche Stadt für alle Weißen darzustellen”, erklärt er.
Angriffe auch gegen Londons Bürgermeister
Londons Bürgermeister Sadiq Khan wird oft mit angegriffen. Er versucht seit langem, gegen die Darstellung seiner Stadt als “Hotspot des Verbrechens” anzureden. Das Gegenteil sei der Fall, London sei eine extrem erfolgreiche Stadt. Und genau das sei für die rechte Agenda ein Problem.
“Wenn Sie eine bestimmte politische Agenda verfolgen, dann stellt eine Stadt, die liberal, fortschrittlich, vielfältig und äußerst erfolgreich ist, ein Problem für Sie dar”, so Khan.
Desinformation auf X
Ein Haupttreiber der Anti-London Propaganda sind Social Media Accounts, die Desinformationen über das Leben in der Stadt verbreiten – besonders auf der Plattform X, erklärt Georgios Samaras.
Er hat die Herkunft dieser Accounts analysiert und festgestellt, dass die große Mehrheit nicht aus London und noch nicht mal aus Großbritannien kommt:
Konkret auf X sehen wir Inhalte, die von außerhalb Großbritanniens stammen: aus den USA, Südostasien oder Südasien. Auch viele europäische Accounts: Deutschland, Frankreich, Skandinavien. Das alles wird von einer Reihe großer Accounts orchestriert. Und dann werden diese Aussagen von Politikern vor Ort verstärkt und bekommen dadurch Legitimation.
Vermeintliche Legitimation durch Politiker
Genau das machten Politiker wie Nigel Farage oder Richard Tice von Reform UK, aber auch extremere Stimmen wie der verurteilte Straftäter und Rechtsextreme Tommy Robinson. Auch für US-Präsident Trump, der an sich gar nichts mit London zu tun habe, sei es einfach, auf den Zug aufzuspringen und gegen einen muslimischen Bürgermeister und eine diverse Stadt zu wettern, so Samaras.
Dieses Narrativ verfängt. Laut einer neuen YouGov-Umfrage glauben 61 Prozent der Briten, dass London kein sicherer Ort zum Leben ist. 2014 waren es nur knapp 40 Prozent. Die, die tatsächlich in London leben sehen das übrigens anders. Mit 63 Prozent findet die Mehrheit, dass ihre Stadt sicher ist.
Fakten sollen helfen
Was also tun, um dem Narrativ entgegenzutreten? Sadiq Khan, Londons Bürgermeister, will es mit Fakten versuchen: “Die Frage, mit der sie nicht streiten können, ist die Beweislage, richtig? Als ehemaliger Anwalt denke ich, dass man Fälle mit Beweisen und starken auf den Beweisen basierenden Argumenten gewinnt.”
Georgios Samaras ist skeptisch, ob das funktioniert. Fakten spielten in weiten Teilen der Politik keine Rolle mehr. Stattdessen müssten die tiefgehenden Probleme in Großbritannien gelöst werden. So habe die Labour-Regierung versäumt, die Wirtschaft umzustrukturieren und zu verbessern. “Die Menschen wollen wieder wirtschaftlichen Wohlstand sehen. Wenn die Wirtschaft wieder in Ordnung ist, garantiere ich Ihnen, dass all diese Narrative verschwinden werden”, sagt er.
Dass das in absehbarer Zeit gelingt, ist unwahrscheinlich. Und so werden Londoner wohl weiterhin Freunden und Familien erklären müssen, dass ihnen nicht bei jedem Spaziergang in den Hintern gestochen wird.
