Exil-Iraner in Sorge: “Ich hoffe, sie antwortet”

Exil-Iraner in Sorge: “Ich hoffe, sie antwortet”

Dhia Sharhani

Stand: 23.01.2026 04:45 Uhr

Die Proteste und die Gewalt des Regimes in Iran bewegen die iranische Community in Deutschland. Auch eine Familie aus Rheinland-Pfalz blickt mit Stolz und Angst auf die Proteste.

Lucretia Gather

“Ich hoffe, dass sie antwortet, wirklich!” Dhia Sharhani sitzt in seinem Wohnzimmer im rheinland-pfälzischen Wallhausen, einem kleinen Ort im Landkreis Bad Kreuznach an der Nahe. Er versucht, die Schwester seiner Frau ans Telefon zu bekommen. Man spürt, wie angespannt der 45-Jährige ist. Zum Zeitpunkt des ersten Gesprächs mit dem SWR versucht er schon seit mehr als einer Woche, seine Schwägerin im Iran zu erreichen.

“Die Schwester meiner Frau heißt Hanna”, erzählt er. Erst kürzlich habe sie ein Kind bekommen. “Wir waren so glücklich. Ein neues Baby in unserer Familie, das war toll! Aber auf einmal nichts mehr, und das tut uns wirklich weh, besonders meiner Frau.” Sharhani hat Tränen in den Augen. Während im Hintergrund der Fernseher mit Nachrichten läuft, beschreibt er, wie er “tausendmal am Tag” versucht, seine Schwägerin ans Telefon zu bekommen.

Vor ihm auf dem Tisch liegen drei Handys. Eins mit deutscher SIM-Karte, zwei mit ausländischen Karten. Doch es gelingt ihm nicht, seine Verwandte zu erreichen. Die Regierung habe das Internet und die Telefonverbindungen weitgehend abgeschaltet, ist sich Sharhani sicher.

Exil-Iraner war selbst im Gefängnis

Der 45-Jährige lebt gemeinsam mit seiner Frau seit mehr als zehn Jahren in Wallhausen. Sie selbst möchte nicht in den Medien erscheinen, aus Angst vor dem iranischen Regime. Sie fürchtet um die Sicherheit ihrer Familie.

Dhia Sharhani brüht sich einen Tee auf. Während er kochendes Wasser in eine Kanne gießt, erzählt er, seine Familie im Iran sei sehr angesehen gewesen und habe sich für Freiheit und Demokratie in ihrem Heimatland eingesetzt. Deshalb sei sie zum Ziel politischer Verfolgung durch das Regime geworden. “Unsere Angehörigen, mein Onkel, mein Opa, der Bruder von meinem Opa wurden hingerichtet, innerhalb einer Woche, ohne Rechtsanwälte, ohne Gericht”, sagt Sharhani. Sein Vater sei ebenfalls festgenommen worden und habe sechs Monate in einem Gefängnis verbringen müssen.

Man merkt Dhia Sharhani an, wie schwer es ihm fällt, darüber zu sprechen. Denn auch er selbst war in die Fänge des iranischen Geheimdienstes geraten. Nach der zweiten Haft habe er beschlossen, seine Heimat zu verlassen: “Beim dritten Mal hat es mit der Verhaftung nicht geklappt, ich hatte die Nachricht bekommen, dass die Polizei zu uns kommt. Sie haben mich nicht gefunden und danach war ich weg, nach Deutschland.” Das war im Jahr 2015.

Verwandte und Freunde auf der Welt verstreut

Inzwischen arbeitet der studierte Politikwissenschaftler als Ausbilder beim Malteser Hilfsdienst in Bad Kreuznach, dort gibt er Erste-Hilfe-Kurse. Er fühlt sich wohl in Deutschland und ist dankbar, hier zu sein. Seine Verwandten und Freunde seien auf der ganzen Welt verstreut, erzählt der Exil-Iraner, und fügt an: “Leider oder Gott sei Dank. Einerseits ist das gut, andererseits schlecht, weil wir nicht in unserer Heimat sind.” Teile seiner Familie seien wie er nach Deutschland geflohen, er habe Freunde in London, seine Eltern, Nichten und seine Schwester lebten in Belgien.

Sharhani tippt auf sein Handy, auf dem Display erscheint seine Schwester, eine junge Frau mit freundlichen dunklen Augen und langen Haaren lacht in die Kamera. Seit fünf Jahren ist sie in Belgien, dennoch ist ihr Kontakt eng: “Sie ist meine beste Freundin”, lacht Sharhani. “Wir reden ständig darüber, was los ist im Iran, wie die Lage aussieht und das gibt uns viel Kraft, viel Power.”

Hoffnung auf Regimewechsel im Iran

Fast rund um die Uhr verfolgen beide die Nachrichten aus ihrem Heimatland. Vor allem die Tatsache, dass die Demonstrationen größer sind als die Protestwelle im Iran im Jahr 2022, macht ihnen Hoffnung und Mut. Sharhani und seine Schwester sind stolz auf die Menschen, die in ihrer Heimat demonstrieren. Und sie haben gleichzeitig große Angst.

Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt ist Sharhani im Kopf immer bei seinen Landsleuten, sagt er. Er wünscht sich nur eins: Dass Frieden einkehrt und dass der Wunsch der Menschen in Iran nach Freiheit und Demokratie eines Tages Wirklichkeit wird.

Und seine Schwägerin? Nach zahlreichen Versuchen hat es ein Lebenszeichen gegeben. “Zehn Tage lang konnten wir sie gar nicht erreichen”, erzählt Sharhani in einem erneuten Telefonat. “Am Wochenende dann haben wir kurz gesprochen, aber jetzt versuchen wir es wieder täglich und es funktioniert nicht.”

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