Der ukrainische Präsident lässt seinem Frust in Davos freien Lauf und übt scharfe Kritik an Europa. Das vorherige Gespräch mit Trump nannte Selenskyj produktiv. Für morgen seien neue Gespräche mit russischen Vertretern verabredet worden.
Angesichts der andauernden russischen Angriffe auf sein Land hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos scharfe Kritik an der Rolle Europas geäußert.
Er fühle sich wie im Film “Und täglich grüßt das Mumeltier”. Bereits im vergangenen Jahr habe er in Davos eindringlich um Unterstützung für sein Land gebeten. Die Angriffe Russlands aber gingen unvermindert weiter.
“Europa diskutiert gern über die Zukunft, scheut sich aber davor, heute zu handeln – Handlungen, die darüber entscheiden, welche Art von Zukunft wir haben”, sagte Selenskyj.
Kritik auch an der NATO
Selenskyj kritisierte auch die NATO. Das transatlantische Verteidigungsbündnis existiere lediglich dank dem Glauben, dass die USA im Falle eines Angriffs nicht tatenlos zusehen, sondern helfen würden. “Doch niemand hat das Bündnis bisher in Aktion erlebt”, sagte Selenskyj. Er forderte eine Aufstockung der Streitkräfte.
Europa müsse mehr tun, um als globale Macht wahrgenommen zu werden. Es benötige eigene Streitkräfte und dürfe sich nicht nur darauf verlassen, dass die NATO helfen werde, wenn Europa angegriffen werde.
Selenskyj sprach sich auch für ein stärkeres Vorgehen gegen den russischen Ölhandel aus. US-Präsident Donald Trump könne Öltanker beschlagnahmen, sagte er unter Verweis auf das Vorgehen der USA gegen Venezuela. Warum könne das Europa nicht mit russischen Tankern tun?
Selenskyj: Treffen mit Trump war produktiv
Vor seiner Rede hatte Selenskyj ein Treffen mit US-Präsident Trump. Es sei produktiv gewesen. Er habe mit Trump über Fortschritte bei den Friedensgesprächen und Lieferungen für die Luftabwehr gesprochen, schrieb Selenskyj auf der Plattform X. Die Unterhändler beider Seiten stünden fast täglich in Kontakt, die verhandelten Dokumente seien nun “noch besser vorbereitet”. Selenskyj äußert die Hoffnung, dass der Schutz des ukrainischen Luftraums weiter gestärkt werde.
Auch Trump sprach von einem guten Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen. Die Botschaft an den russischen Präsidenten Wladimir Putin laute, dass der Krieg enden müsse, sagt der US-Präsident in Davos.
Trilaterale Gespräche in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Selenskyj kündigte außerdem an, dass Vertreter der Ukraine und Russlands morgen, Freitag und Samstag erstmals zu einem trilateralen Treffen mit einer US-Delegation zusammenkommen. Die Gespräche sollen in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfinden.
Der US-Sondergesandte Steve Witkoff hatte zuvor angekündigt, von Moskau direkt nach Abu Dhabi fliegen zu wollen, um über einen Plan zur Beendigung des Krieges gegen die Ukraine zu beraten. Er befindet sich derzeit ebenfalls in Davos. Von dort werde er noch heute nach Moskau reisen. Er und der Schwiegersohn von Trump, Jared Kushner, wollen dann mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammenkommen.
Witkoff und Kushner sind von Trump mit den Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges betraut, der am 24. Februar 2022 begonnen hatte. Seit Monaten laufen intensive diplomatische Bemühungen zur Beendigung des russischen Angriffskriegs. Auf dem Tisch liegt eine überarbeitete Fassung eines ursprünglich von den USA vorgelegten Friedensplans. Wichtige Fragen sind jedoch noch offen, darunter Gebietsansprüche und Sicherheitsgarantien für die Ukraine.
