Bundespräsident Steinmeier und Ungarns Staatspräsident Sulyok haben gemeinsam der Verschleppung Zehntausender Ungarndeutscher vor 80 Jahren gedacht. Viele von ihnen mussten Zwangsarbeit in der Sowjetunion leisten.
Im Herbst und Winter 1944/45, als die Armeen Hitlers und seiner Verbündeten in der Sowjetunion geschlagen waren, rückte die Rote Armee auf mehreren Achsen in Richtung Ost- und Mitteleuropa vor. Besonders heftig war die Schlacht um Budapest. Die ungarische Hauptstadt war sechs Wochen lang eingekesselt.
Einer der letzten Zeitzeugen von damals, Michael Kretz, erzählt in mehreren Interviews, wie er die Kapitulation Budapests im Februar 1945 erlebt hat: “Sie haben uns nach Ercsi gebracht, eine Kleinstadt wenige Kilometer südlich von Budapest. Wir waren etwa 15.000 bis 20.000 Gefangene, die auf einen Hof geführt wurden.”
Brutales Vorgehen der sowjetischen Soldaten
Michael Kretz ist Ungarndeutscher, ein sogenannter Donauschwabe. Er wurde in der Nähe von Budapest geboren und mit 21 Jahren in die ungarische Armee eingezogen, als Fahrer. Er erzählt, wie brutal die Soldaten der Sowjetunion, nach der Eroberung Budapests, mit den ungarischen und deutschen Kriegsgefangenen umgegangen sind.
“Ein Soldat befahl: Juden hierher, Arbeiter dahin, Kranke hier. Ich hatte einen geschwollenen Fuß und dachte mir, ich gehe zu den Kranken. Da standen dann russische Ärzte, die alle Kranken gründlich untersucht haben.” Immer, wenn sie einen entdeckt hätten, der nicht krank war, seien zwei Russen gekommen und hätten ihn mit Stangen totgeschlagen, erzählt Kretz.
Sie hätten so lange auf sie eingeschlagen, bis keine Regung mehr zu sehen war. “Ich dachte damals: Das war’s. Als ich dann als letzter mit meinem geschwollenen Fuß vor dem Arzt stand sagte er, zum Glück: krank.”
Viele kamen bei der Flucht ums Leben
Michael Kretz erzählt, dass er mit anderen Häftlingen in einem Keller gefangen gehalten wurde. Doch nach sechs Tagen schaffte er es, sich davonzuschleichen, in einem Moment, als die Wachen unaufmerksam waren. Es war eine sehr heikle Aktion, denn er sah überall Leichen auf den Straßen, von Menschen, die bei Fluchtversuchen erschossen wurden.
Doch Kretz schaffte es, sich als erkrankter Zivilist zu tarnen und wieder mit seiner Familie zusammenzukommen. Sie wurden vertrieben und flohen nach Deutschland, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten.
Sie hatten es auch geschafft, sich zu verstecken, als die Soldaten der Roten Armee junge Frauen und Männer festnahmen, um sie in Arbeitslager in der Sowjetunion zu verschleppen. Das war eine Anordnung des Oberbefehlshabers der Roten Armee, Josef Stalin. Er nannte es “Wiedergutmachungsarbeit”.
Laut sowjetischen Quellen wurden rund 30.000 Ungarndeutsche als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion verschleppt. Ungarischen Quellen zufolge könnten es bis zu 60.000 gewesen sein.
Überlebende wanderten teils nach Süddeutschland aus
Die ungarische Historikerin der Universität Pecs, Beata Markus, hat zu diesem Thema geforscht und erzählt in einem Vortrag über die Grausamkeiten, die die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten. “Sie wurden in geschlossenen Viehtransportern in die Sowjetunion gefahren, in die Kohlebecken der Donezk-Region, in den Kaukasus und in die Uralregion.”
Auf der Reise, die mehrere Wochen dauerte, seien viele Menschen gestorben, weil es in den Wagons zu kalt war und sie zu wenig Versorgung gehabt hätten. In den Arbeitslagern seien Schätzungen zufolge etwa ein Drittel der Menschen gestorben, unter anderem an Krankheiten und Unterernährung. “Sie mussten harte Arbeit verrichten, in Kohlegruben und auf dem Bau“, so Markus.
Diejenigen die überlebt haben, wurden meistens nach drei bis fünf Jahren wieder freigelassen. Die meisten Ungarndeutschen sind nach Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Österreich ausgewandert.

