Santorini bekommt ein neues Frühwarnsystem

Santorini bekommt ein neues Frühwarnsystem

Auf der "Meteor" wird eine Sonde ins Meer hinabgelassen.


Europamagazin

Stand: 17.01.2026 17:16 Uhr

Vor einem Jahr wurde die griechische Insel Santorini regelrecht durchgeschüttelt: Rund 28.000 Mal bebte die Erde. Um zukünftige Ereignisse besser einzuordnen, arbeiten Forschende an einem neuen Frühwarnsystem.

Moritz Pompl

Der Kontrollraum des Forschungsschiffs “Meteor” ist stockdunkel. Nur die Bildschirme werfen ihr fahles Licht auf die Gesichter des Teams. Gleich will es Aufnahmen aus 400 Metern Tiefe auswerten.

An Deck wird dazu an einem Kran ein Videoschlitten ins Wasser gelassen, so groß wie ein Pkw. Seine Scheinwerfer seien so hell wie die in einem Fußball-Stadion, sagt Forschungsleiterin Heidrun Kopp vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. “Das ermöglicht uns, den Meeresboden tatsächlich mit eigenen Augen zu sehen, um zu checken, was da unten los ist.”

In einem mehrjährigen Forschungsprojekt untersucht das internationale Team den Meeresboden rund um Santorini und will ein neues Unterwasser-Frühwarnsystem aufbauen. “Santorini ist eine Art Supermarkt für Naturkatastrophen”, sagt die beteiligte Forscherin Evi Nomikou von der Universität Athen. “Hier gibt es wirklich alles: Explosionen am Land und unter Wasser, aktive Störungen, die Tsunamis verursachen können – und Erdrutsche rund um Santorini.”

Der Videoschlitten verschwindet an einem Stahlseil in der Tiefe des Meeres. Wird er Hinweise auf frische, vulkanische Aktivität liefern?

Das Forschungsschiff Meteor baut ein Frühwarnsystem auf dem Meeresboden vor Santorini auf. Die vielen Aktivitäten unter Wasser liefern den Forschern zahlreiche Erkenntnisse.

Angst vor einem neuen Tsunami

Santorini ist in seiner heutigen Form vor 3.600 Jahren entstanden, bei einem massiven Vulkanausbruch, der mutmaßlich die minoische Kultur ausgelöscht hat. In den 1950er-Jahren ereigneten sich der letzte große Ausbruch und ein schweres Beben mit einem bis zu 25 Meter hohen Tsunami. Damals starben mehr als 50 Menschen.

Vor einem Jahr bebte erneut die Erde, rund 28.000 Mal. Die Regierung schickte Rettungsteams, tausende Bewohner und Gäste verließen die Insel auf Sonderfähren und -flügen. Könnte ein Vulkanausbruch folgen? Ein schweres Beben mit Tsunami? Forschende konnten keine klare Antwort geben. Die Buchungszahlen auf Santorini brachen ein.

KI-generierte Fake-Videos verunsichern

Zuletzt haben sich die Gästezahlen zwar weitgehend normalisiert. Aber die Verunsicherung ist geblieben. Dazu tragen KI-generierte Fake-Videos bei, die eine Naturkatastrophe auf Santorini vorgaukeln.

“Das erzeugt Angst und Panik”, sagt der Hotelier Manolis Karamolegkos, “sowohl bei uns, bei den Arbeitern und Bewohnern als auch bei den Gästen, die die Insel besuchen wollen”. Er und viele andere Insulaner hoffen, dass die Forschenden mit ihren Erkenntnissen letztlich auch das Vertrauen in Santorini wiederherstellen.

Migriertes Magma als Auslöser

Auf der “Meteor” zeigen die Aufnahmen des Videoschlittens: Es brodelt im Untergrund, Blasen entweichen. Bakterien haben sich in Fußballfeld-großen Matten dort angesiedelt, wo frisches Material aus dem Erdinnern aufgestiegen ist.

Dank modernster Meerestechnik glauben die Forschenden inzwischen zu wissen, was den Erdbebenschwarm vor einem Jahr ausgelöst hat. Magma sei in die Caldera von Santorini eingeströmt und dann nach Nordosten in Richtung der Insel Amorgos migriert, sagt Forschungsleiterin Kopp. “Das hat zu diesen Zehntausenden kleinerer Erdbeben geführt, die aber in der Region sehr deutlich zu spüren waren.”

Das Magma steigt dabei auf, von rund 18 Kilometern Tiefe auf nur noch drei Kilometer. Die Magmakammern füllen sich, so die Erkenntnis. Eine unmittelbare Gefahr bestehe aber nicht.

Die ersten Signale sind vielversprechend: Forscher auf der Meteor verfolgen die Kommunikation mit den Sensoren am Meeresgrund.

“Das ist es, was wir hören wollten”

Unterwasser-Sensoren sollen in Zukunft den Unterschied machen und wesentlich schneller und genauer warnen als die bisherigen Seismografen an Land. Die Schuhschachtel-kleinen Boxen erfassen kleinste Beben und Druck- und Temperaturänderungen. Am Meeresgrund sollen die Sensoren ein Netzwerk bilden und ihre Signale über eine Boje weiterleiten.

Doch ob die kabellose Unterwasser-Kommunikation auch funktioniert? Der erste Test läuft auf 50 Metern Wassertiefe – und das Forscherteam meldet einen Erfolg. “Die Kommunikation hat jetzt geklappt”, sagt Geophysiker Jens Karstens vom GEOMAR. “Wir haben jetzt von Deck eines der Geräte angepingt und es hat geantwortet. Das ist das, was wir hören wollten.”

Es ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum neuen Frühwarnsystem.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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