Noch immer sind in Kiew Hunderte Häuser ohne Heizung. Die durch russische Angriffe verursachte Energiekrise stellt die Stadt vor gewaltige Herausforderungen – und schürt politischen Streit.
Wolodymyr Selenskyj demonstriert Entschlossenheit. Bei seiner Ansprache gestern Abend vermittelt der ukrainische Präsident den Eindruck: Er kümmere sich nun persönlich und in erster Linie um die Energie-Versorgungsprobleme im Land.
“Die Aufgaben sind verteilt. Innerhalb von 24 Stunden sollte die Regierung Lösungen finden – vor allem für den verstärkten Import von Strom”, sagte Selenskyj. Sie sollte dafür sorgen, dass alle Notstrom-Kapazitäten ausgeschöpft werden. Er fügte hinzu: “Das Innenministerium hat die Aufgabe bekommen, die Menschen wirklich zu informieren. Jeder soll sich an die Telefonnummer 112 wenden können, um zu erfahren, wo er Hilfe bekommen kann, wie es bei ihm Zuhause mit der Strom- und Fernwärmeversorgung weitergeht.”
Der Energie-Notstand, den Selenskyj ausgerufen hat, gibt der Regierung mehr Handlungsspielraum. Sie kann unbürokratisch regeln, welches Unternehmen wann und wie Strom ins Netz einzuspeisen hat – und wo der Strom abgeschaltet wird. Dafür hat die Regierung Koordinierungsstäbe ins Leben gerufen, für Kiew und das Land insgesamt.
Die Maßnahmen sollen die Stromversorgung für so genannte kritische Infrastruktur, also etwa die Krankenhäuser, sicherstellen. Für die meisten Menschen wird der Alltag dadurch aber erst einmal nicht einfacher. Es könnte zu mehr Notabschaltungen beim Strom kommen. Sie kommen zu den ohnehin geplanten Abschaltungen hinzu.
Energie-Experte erwartet harte Zeit bis März
Vor allem der Hauptstadt Kiew, auf die Russland zuletzt vor allem zielt, stünden noch schwere Wochen bevor, erklärt Wolodymyr Omeltschenko, Energie-Experte bei der Denkfabrik “Rasumkow-Zentrum”: “Die Wettervorhersage ist ziemlich unerfreulich. Der Winter wird weiterhin hart sein. Mindestens bis März wird Russland versuchen, das Stromnetz vor allem in der Hauptstadt Kiew völlig zu zerstören”, schätzt er. “Es geht Russland darum, politische Unruhe zu stiften, die Lage im Land zu destabilisieren. Nach dem März wird sich die Lage entspannen. Die Sonne wird scheinen, und in Kiew wurden schon viele Solaranlagen installiert.”
In Kiew sind nach Angaben der Stadtverwaltung weiterhin rund 300 mehrstöckige Häuser ohne Heizung – bei Außentemperaturen im zweistelligen Minusbereich. Nach Angriffen in der vergangenen Woche auf Wärmekraftwerke waren es 6.000 Häuser.
Für Menschen, die frieren, soll der ausgerufene Energie-Notstand eine Erleichterung bringen. Sie sollen nun auch während der nächtlichen Ausgangssperre geheizte öffentliche Gebäude und eigens aufgestellte Zelte aufsuchen können. Allein in Kiew gibt es rund 1.200 solche sogenannten “Punkte der Unbezwingbarkeit”.
Energie-Unsicherheit führt zu politischem Streit
Die Versorgungslage führte auch zu innenpolitischem Zwist. Präsident Selenskyj und der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko warfen sich gegenseitig vor, sie hätten zu wenig für die Energiesicherheit getan. Energie-Experte Omeltschenko sieht dagegen ein generelles Versäumnis der Politik.
“Kiew hat immerhin 50 Megawatt an dezentraler Energieversorgung geschaffen. Aber nach meiner Schätzung wären in diesen fast vier Jahren Krieg fast 400 Megawatt möglich gewesen”, so der Experte. “Das würde die Situation in der Hauptstadt jetzt erheblich verbessern. Das ist das größte Versäumnis von Herrn Klitschko.”
Dezentrale Energieversorgung – damit meint Omeltschenko Blockheizkraftwerke. Der nun ins Leben gerufene Koordinierungsstab soll auch versuchen, die westlichen Partner der Ukraine um mehr Unterstützung zu bitten. Vor kurzem teilte die deutsche Botschaft in Kiew mit, dass die Stadt Karlsruhe der Ukraine einen Transformator für ein Umspannwerk lieferte.

