Die Zahl fehlender Wohnungen ist in Deutschland auf einem Allzeithoch angelangt. Besonders schwer haben es Jüngere, Alte sowie Menschen mit Behinderung. Und der Wohnungsmangel erschwert den Weg aus der Wirtschaftskrise.
Der Wohnungsmangel in Deutschland hat nach Einschätzung des Pestel-Instituts bereits Ende 2024 einen Rekordstand von bundesweit 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen erreicht. Besserung in den nächsten Jahren ist der neuen Studie “Sozialer Wohn-Monitor” zufolge nicht in Sicht, wie Pestel-Chefökonom Matthias Günther in Berlin sagte. Für die nähere Zukunft erwartet das Institut den Bau von lediglich rund 200.000 neuen Wohnungen pro Jahr, etwa halb so viele wie der angenommene jährliche Bedarf.
Auftraggeber der Studie war das Bündnis Soziales Wohnen, ein Zusammenschluss des Deutschen Mieterbunds, der IG Bau, der Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau und anderer Organisationen.
Nach Angaben der Wissenschaftler hat von den mehr als 23 Millionen Mieterhaushalten etwa die Hälfte einen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Insgesamt gebe es bundesweit aber nur noch rund eine Million Sozialwohnungen. Ziel müsse es sein, deren Zahl bundesweit mindestens zu verdoppeln. Hinzu komme, dass der Neubau von Sozialwohnungen stagniere. Danach sind im vergangenen Jahr nur noch rund 220.000 Wohnungen neu gebaut worden. Dies sei eine “fatale Entwicklung”, hieß es.
Wohnungsmangel wird zur Wachstumsbremse
Der Wohnungsmangel ist der Analyse zufolge zur Wirtschaftsbremse geworden. Ohne einen Aufschwung des Wohnungsbaus könnten keine Zuwanderer für die Arbeitsmärkte gewonnen werden “und unser Land wird die Wachstumsschwäche nicht überwinden können”, heißt es in dem Papier.
Als eine zentrale Hürde für den Neubau von Wohnungen wird die Förderpraxis des Bundes kritisiert. Dieser zahle zugesagte Gelder für den sozialen Wohnungsbau gestaffelt über fünf Jahre aus. Die Länder müssten die Mittel für Bauprojekte deshalb vorstrecken, was den Neubau von Sozialwohnungen bremse.
Junge und Alte leiden gleichermaßen
Am stärksten unter der Entwicklung leiden demzufolge die junge Generation bis 25 und ältere Menschen. Jüngere Menschen wie Auszubildende, Studierende und Berufsstarter sind laut Studie auf dem Wohnungsmarkt zur “benachteiligten Gruppe” geworden. So kämen Ausbildungsverträge nicht zustande, weil Jugendliche keine bezahlbare Bleibe fänden. Studierende müssten im Schnitt 53 Prozent ihres Monatsbudgets allein für das Wohnen ausgeben.
Bei den Älteren trifft es laut Studie immer mehr Babyboomer: Sie würden in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden, viele allerdings nur mit einer kleinen Rente, von der sie sich die bisherige Wohnung nicht mehr leisten könnten. Dies mache mitunter erzwungene Umzüge notwendig und sei nichts anderes als die “Stadtvertreibung Älterer” durch Wohnungsnot, hieß es. Dieses Phänomen sei weit über Hamburg und München hinaus verbreitet und werde immer häufiger zum Problem von Seniorenhaushalten.
“Ausgrenzung auf dem Wohnungsmarkt”
Zudem stellt der “Soziale Wohn-Monitor” bei Menschen mit Behinderungen eine “Ausgrenzung auf dem Wohnungsmarkt” fest. Um gegenzusteuern, seien etwa Quoten bei der Vergabe von Sozialwohnungen an Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen notwendig. Vorübergehend sollten diese beim Auswahlverfahren sogar bevorzugt werden, hieß es. “Auch anderen Menschen, die auf den meisten Wohnungsmärkten so gut wie chancenlos sind, würde das helfen – zum Beispiel Menschen mit Suchtproblemen”, so das Bündnis Soziales Wohnen.
In absoluten Zahlen liegen die beiden größten und bevölkerungsreichsten Bundesländer an der Spitze: In Nordrhein-Westfalen fehlten Ende 2024 danach 376.000 Wohnungen, in Bayern 233.000. Den Gesamtbedarf bis 2030 schätzt das Pestel-Institut auf bis zu 2,4 Millionen neue Wohnungen.
Das Bündnis Soziales Wohnen forderte einen Bund-Länder-Pakt für den Wohnungsbau, insbesondere den Bau von mehr Sozialwohnungen. Die Berechnungen des Pestel-Instituts basieren auf Daten der Statistischen Ämter. Zwar steht in Deutschland geschätzt auch eine siebenstellige Zahl von Wohnungen leer, doch deren Wiedervermietung würde nach Einschätzung der Ökonomen das Wohnungsproblem insbesondere im Westen nicht lösen.
