Nach US-Intervention: Venezuela zwischen Ölhoffnung und Realität

Nach US-Intervention: Venezuela zwischen Ölhoffnung und Realität

Der Lago Maracaibo in Venezuela (Aufnahme von 2024)

Stand: 13.01.2026 15:11 Uhr

Nach der US-Intervention in Venezuela hat Präsident Trump der Ölindustrie glänzende Geschäfte in Aussicht gestellt. Doch die Konzerne halten sich zurück. Die Frage ist auch: Sollte das Öl wieder fließen, kann die Bevölkerung davon profitieren?

Von Anne Demmer, ARD Mexiko

In der Erdölregion Maracaibo schimmerte bereits 2024 die Seeoberfläche des Lago de Maracaibo giftgrün, durchzogen von schwarzen Schlieren ausgelaufenen Öls, das den See in eine toxische Kloake verwandelt hat. Die venezolanische Journalistin Sheyla Urdaneta stammt aus der Region und hat den Niedergang immer wieder dokumentiert. Heute beschreibt sie das Ausmaß der Umweltkatastrophe: “Es ist ein extrem verschmutzter See. Die Fischer, die hinausfahren, kommen ölverschmiert zurück. Das Öl bleibt auf der Haut kleben. Die Fischer verlieren ihre Netze, weil sie sie auswerfen und das Öl alles verklebt.”

Ein System aus Tausenden Kilometern von Unterwasserrohren verläuft durch die Tiefen des Sees. Die meisten sind Jahrzehnte alt und marode. Lecks, die niemand abdichtet. Die staatliche Ölgesellschaft PDVSA ist durch Korruption zerrüttet und hat kein Geld für Reparaturen, die industrielle Infrastruktur liegt brach. Dabei lagert unter diesem verschmutzten See eine der größten bekannten Öl- und Gasreserven der Welt. Doch was einst Reichtum versprach, ist heute Ruine und Umweltdesaster zugleich.

Und genau hier sollen nach Wunsch von US-Präsident Donald Trump amerikanische Ölkonzerne investieren und die Förderung wieder ankurbeln. Trump hatte die Bosse der großen Firmen vor wenigen Tagen ins Weiße Haus eingeladen und versprach sprudelnde Gewinne. Allerdings zögern die Konzerne.

Das Wasser des Lago de Maracaibo in Venezuela hatte 2024 eine giftgrüne Farbe.

Zögerliche Ölbosse

Venezuela besitzt die größten Ölreserven der Welt – mehr als 300 Milliarden Barrel. Doch die Produktion ist dramatisch eingebrochen.

Der venezolanische Ökonom José Guerra erklärt das Ausmaß der Krise. Er beobachtet die Ereignisse von außen. Derzeit lebt er im Exil in den USA, zuvor war er Abgeordneter der Opposition in der Nationalversammlung. 1998, vor Hugo Chávez, habe Venezuela 3,5 Millionen Barrel täglich produziert. Heute seien es nur noch 900.000 Barrel. Die Gründe: Korruption, fehlende Investitionen und die marode Infrastruktur. Hinzu kamen ab 2019 die US-Sanktionen. 2023 hatte die Biden-Regierung dem US-Unternehmen Chevron allerdings erlaubt, wieder in Venezuela zu operieren.

Im Weißen Haus versprach Trump den Ölbossen ein sicheres Investitionsklima, doch die reagieren skeptisch. ExxonMobil-Chef Darren Woods formulierte es diplomatisch, aber deutlich: Venezuela sei derzeit kein geeigneter Standort für Investitionen. Grund sind schlechte Erfahrungen.

In den 2000er-Jahren enteignete der damalige Präsident Chávez internationale Ölkonzerne. ConocoPhillips erlitt Verluste von mehr als zehn Milliarden Dollar. Für José Guerra ist klar: Ohne grundlegende Reformen wird kein Konzern kommen. “Das venezolanische Ölgesetz schreibt vor, dass bei allen Partnerschaften mit ausländischen Firmen die Regierung die Mehrheit halten muss. Keine Firma wird heute nach Venezuela gehen, wenn sich das nicht ändert.”

Venezolaner wollen wirtschaftliche Stabilität

Um die Produktion auf drei Millionen Barrel täglich zu steigern, wären Investitionen von 70 bis 180 Milliarden Dollar nötig, schätzen Experten. Geld, das der venezolanische Staat nicht hat – das Land ist bankrott, die Schulden belaufen sich laut Analysten auf 150 Milliarden Dollar.

Für die Ölkonzerne mag eine Gesetzesänderung ausreichen. Für die Venezolaner steht viel mehr auf dem Spiel. Bisher haben sie weder von Chevrons Ölförderung noch von der staatlichen Produktion profitiert. Guerra befürchtet, dass auch neue Investitionen in den korrupten Strukturen des Regimes versickern: “Die große Mehrheit der Venezolaner will wirtschaftliche Stabilität, aber auch politischen Wandel. Und dass die Öleinnahmen bei den Venezolanern ankommen – in Form von besserer Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und sozialer Hilfe für die vielen, die sich nicht versorgen können”, so Guerra.

Unterdrückung und Angst bleiben

Genau daran aber zweifelt die venezolanische Journalistin Urdaneta, die derzeit im Exil in Argentinien lebt. Denn das alte Regime sei weiter an der Macht, nichts habe sich verändert. Die Regierungspartei, die Sprecher, die Gesichter seien gleich geblieben. Alles sei wie immer. Die Unterdrückung und die Angst blieben auch nach der Gefangennahme des langjährigen Präsidenten Nicolás Maduro bestehen. Den Menschen sei im Moment egal, ob Ölunternehmen kämen – sie hätten ganz andere Probleme.

Maduro und seine Frau befinden sich in New York im Gefängnis, doch eine seiner engsten Vertrauten, die frühere Vizepräsidentin und Erdölministerin Delcy Rodríguez, führt als Übergangspräsidentin die Regierung weiter. Der alte Macht-Clan ist weiter am Ruder.

Hinzu kommt: Den Ölkonzernen ist die politische Ausrichtung des Landes egal, wie José Guerra nüchtern feststellt: “Ihr Geschäft hängt nicht davon ab, ob das Land demokratisch ist – sie können Öl ausbeuten in einer Diktatur, in einer Demokratie, in einem parlamentarischen System oder in einer Monarchie.” Hauptsache, sie hätten die Sicherheit, nicht enteignet zu werden.

Der verschmutzte See Lago de Maracaibo steht symbolisch für das Dilemma Venezuelas. Die Umweltzerstörung durch die staatliche Ölgesellschaft PDVSA ist verheerend. José Guerra räumt ein, dass Chevron sicher umweltfreundlicher arbeitet. Doch solange die Einnahmen in dunklen Kanälen verschwinden, solange Unterdrückung und Angst herrschen, solange keine echte politische Veränderung stattfindet – so lange bleibt für die meisten Venezolaner das schwarze Gold eine schwarze Brühe, an der andere verdienen.

Die Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD erhalten seit fünf Jahren in der Regel keine Journalistenvisa für die Einreise nach Venezuela. Anne Demmer durfte allerdings 2024 für einen limitierten Zeitraum zu den Wahlen in das Land reisen.

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