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Vor zehn Jahren beschloss die Bundesregierung, dass der BND eigene Satelliten bekommen soll. Seitdem stagniert das Vorhaben – nun wurde nach Informationen von WDR und NDR der Start des Projekts erneut verschoben.
Es war vor allem ein Wunsch des Kanzleramtes, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) im Weltraum nicht mehr blind sein soll. Als man 2014 genau verfolgen wollte, ob sich russische Kampfverbände nach der Annexion der Krim auch heimlich in der Ost-Ukraine bewegten, soll ein privater Anbieter mehrere Tage lang keine Satellitenbilder mehr geliefert haben.
Das wollte man nicht noch einmal erleben. Die Regierung beschloss, dass der BND eigene Satelliten bekommen soll. Doch heute, mehr als zehn Jahre nach der Entscheidung, hat der BND noch immer keine.
Ursprünglich sollte der erste BND-Satellit 2022 ins All gebracht werden. Der Start wurde dann auf 2024 und noch einmal auf 2025 verschoben – und jetzt wurde der Einsatz des “Geheimen Elektro-Optischen Reconnaissance System Germany” (GEORG) nach Informationen von WDR und NDR erneut verschoben. Inzwischen heißt es aus Regierungskreisen: In diesem Jahr solle es dann endlich so weit sein.
Ein Regierungssprecher wollte Fragen zu dem Thema nicht beantworten und verwies darauf, dass man über solche Angelegenheiten nur die zuständigen, geheim tagenden Gremien des Bundestages informiere.
Schlechte Erfahrungen der Bundeswehr
Über die Hintergründe der Verzögerungen erfährt die Öffentlichkeit seit Jahren nur wenig, da es um nachrichtendienstliche Informationen geht. Allgemein war im Kanzleramt in der Vergangenheit in offiziellen Mitteilungen von “hoher Planungskomplexität” die Rede. Der ehemalige BND-Präsident Bruno Kahl hatte zwischenzeitlich von einer “Verzögerung auf Produktionsseite” gesprochen, sich schließlich aber hoffnungsvoll für einen baldigen Start gezeigt.
Das Projekt soll den Bund bereits mehr als eine halbe Milliarde Euro gekostet haben, heißt es dazu aus dem Bundestag. Beauftragt mit dem Baus ist das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB.
Einer der Gründe für die jüngste Verzögerung soll nach Informationen von WDR und NDR in den schlechten Erfahrungen liegen, die die Bundeswehr unlängst gemacht hat. Genau wie der BND hatte die Bundeswehr Aufklärungssatelliten bei OHB geordert. Sie wurden 2023 ins All gebracht. Zwei der drei Satelliten lieferten dann aber zunächst keine Radarbilder, weil sie ihre Antennen nicht ausfahren konnten.
Bundeswehr-Satelliten erst nach Monaten einsatzbereit
Erst nach Monaten und aufwendigen Manövern, bei denen viel Treibstoff verbraucht worden sein soll, klappte die Technik schließlich aus und die Satelliten lieferten seitdem brauchbare Daten, heißt es aus der Bundeswehr. Ihre Lebenszeit soll jedoch durch die komplizierten Flugmanöver und den Treibstoffverbrauch verkürzt worden sein.
Eine ähnliche Situation wollte man bei den BND-Satelliten offenbar vermeiden und verschob daher den für Ende vergangenen Jahres geplanten Start erneut. Eine Unternehmenssprecherin des Bremer Produzenten OHB erklärte, dass “zu Projekten keine weiterführenden Informationen oder Details bereitgestellt werden”.
Viele Satellitenbilder von kommerziellen Anbietern
Die Bundeswehr-Satelliten werden aus dem Weltraumkommando in Uedem, Nordrhein-Westfalen, heraus gesteuert. Auf ihre Informationen kann auch der BND zugreifen – aber eben nicht ausschließlich.
Die Radar-Satelliten, wie sie von der Bundeswehr betrieben werden, haben den großen Vorteil, dass sie auch bei einer geschlossenen Wolkendecke detaillierte Aufnahmen von der Erdoberfläche liefern können. Der BND soll optische Satelliten bekommen, die nur bei klarem Himmel Bilder liefern – dafür aber von höherer Präzision.
Die Bundeswehr und auch der BND arbeiten bei der Beschaffung und Auswertung von Satellitenbildern zudem eng mit ausländischen Partnern zusammen, vor allem mit staatlichen Stellen in den USA. Ein großer Teil der Bilder aber wird von kommerziellen Anbietern angekauft.
Abhängigkeit von den USA
Die aktuelle Abhängigkeit von den USA wird in deutschen Sicherheitskreisen kritisch gesehen, derzeit fehlen jedoch ausreichend eigene deutsche oder europäische Alternativen. Schon bei der Logistik, etwa dem Transport der Satelliten, ist man auf ausländische Hilfe angewiesen. Die Satelliten der Bundeswehr wurden zuletzt von der US-Firma SpaceX ins All gebracht. Und auch die BND-Satelliten, so zumindest die bisherigen Planungen, sollen mithilfe des Unternehmens von Elon Musk transportiert werden.
Man habe trotz der Verstimmungen mit der Trump-Regierung und der Frage nach den Sicherheitsaspekten kaum eine andere Wahl, heißt es dazu in deutschen Sicherheitskreisen. Es sei immerhin noch besser als früher, witzeln so manche: Noch vor einigen Jahren wurden die Bundeswehr-Satelliten mit russischen Raketen ins All geschossen.
Strategie für die Weltraumsicherheit
Die Bedeutung des Weltraums für die Aufklärung der Erdoberfläche und als eigene militärische Dimension ist größer geworden. Wie groß, das zeigt etwa die erste Weltraumsicherheitsstrategie, die Ende 2025 vorgestellt wurde. Sie war bereits von der Vorgängerregierung auf den Weg gebracht und ist nun von der schwarz-roten Koalition fertiggestellt worden.
In dem Dokument geht es um den Aus- und Aufbau eigener europäischer Satellitennetze und um die Beschaffung neuer Trägerraketen sowie Radare und Teleskope. Laut Bundesregierung sind zivile und militärische Aspekte sowie innere und äußere Sicherheit im Weltraum “untrennbar miteinander verbunden”, wie es zur Veröffentlichung der Strategie hieß.
