In Kanada verfolgt man die US-Ansprüche auf Grönland besorgt. Denn die Kanadier kennen das Muster – vor einem Jahr wollte Trump das Nachbarland annektieren. Kanadas Regierung hat daraus Konsequenzen gezogen.
Wenn jemand nachvollziehen kann, wie sich die Grönländer wohl gerade fühlen müssen, dann sind es wohl die Kanadier. Schon vor Beginn seiner zweiten Amtszeit drohte US-Präsident Donald Trump fast täglich: “Kanada sollte 51. US-Bundesstaat werden.” Der kanadische Premierminister Mark Carney entgegnete ihm, sein Land stehe nicht zum Verkauf.
Bei einem Treffen mit seinen europäischen Amtskollegen in Paris stärkte Carney diesmal Grönland demonstrativ den Rücken und betonte: “Die Zukunft Grönlands kann ausschließlich von Grönland und Dänemark selbst entschieden werden.”
Kanadier sind besorgt
Eine US-Militärinvasion in ihrem Land halten die Kanadier zwar für unwahrscheinlich, meint Roland Paris, Professor für internationale Angelegenheiten an der Universität Ottawa. Trotzdem seien viele Menschen beunruhigt: “Es ist, als hätte Trump ein persönliches Verlangen, sich Grönland anzueignen. Das geht über die bloße Zusammenarbeit im Rahmen des Verteidigungsabkommens oder den konventionellen Erwerb grönländischer Ressourcen hinaus. Und das besorgt auch Kanada.”
Genau wie Grönland habe auch Kanada viele wichtige Ressourcen. Erdöl, Erdgas, kritische Mineralien. Teilweise noch unerschlossene Rohstoffvorkommen, die durch das schmelzende Eis in der Arktis immer zugänglicher werden. Sich dadurch neu öffnende Schifffahrtsrouten sind geopolitisch hoch umkämpft. Russland und China bauen ihre Präsenz dort aus.
Mehrausgaben und eine Erkenntnis
Das ist eine Herausforderung für die NATO-Partner USA und Kanada. Beide haben bereits seit dem Kalten Krieg eine gemeinsame nordamerikanische Luftverteidigung, um die Region abzusichern – die North American Aerospace Defense Command, kurz: NORAD.
Kanada gebe bisher zwar viel weniger für seine Verteidigung aus als die USA, erklärt Paris, werde seine Ausgaben jetzt aber deutlich erhöhen. “Und ein großer Teil davon wird in die Arktis fließen.”
In den kommenden fünf Jahren will die Regierung von Mark Carney 81,8 Milliarden kanadische Dollar für Verteidigung ausgeben. Auch, weil sich das Land beim Schutz seiner Souveränität nicht mehr auf seinen US-amerikanischen Partner verlassen könne: “Die Invasion in Venezuela, die Drohungen anderen Ländern wie Grönland gegenüber – das alles sind Anzeichen für viele Kanadier dafür, wie unzuverlässig und zunehmend rücksichtslos die USA geworden sind.”
Orientierung Richtung Europa
Kanada orientiert sich in Verteidigungsfragen nun auch Richtung Europa. Im Juni traten die Kanadier der europäischen Aufrüstungsinitiative “ReArm Europe” bei. Außerdem versucht das Land, wirtschaftlich unabhängiger von den Vereinigten Staaten zu werden. Denn Trumps Strafzölle haben kanadische Exporte ins Nachbarland USA einbrechen lassen, was das Wirtschaftswachstum spürbar verlangsamt.
Deshalb unternimmt Kanadas Premier Carney seit seiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr große Anstrengungen, um neue Handelsbeziehungen einzugehen. Insbesondere mit Europa und Ländern im Indopazifik.
Die Abhängigkeit von den USA verringern
Die neuen Handelsbeziehungen würden Kanada helfen, widerstandsfähiger gegen Drohungen des US-Präsidenten zu werden, so Professor Paris. Denn Trump wolle vor allem wirtschaftlichen Druck einsetzen, um Kanada zum 51. Bundesstaat zu machen.
Auch deshalb wird in der kommenden Woche nach acht Jahren zum ersten Mal wieder ein kanadischer Premierminister nach China reisen, mit Zwischenstopp in Katar.
Für Kanada sind Trumps Äußerungen zu Grönland ein Warnsignal dafür, wie dringend es seine große wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit vom ehemals engsten Verbündeten verringern muss.

