Immer wieder kommt es in Deutschland zu Lieferengpässen bei Medikamenten, vor allem im Winter bei hoher Nachfrage. Das hat strukturelle Ursachen. Was dagegen helfen kann, ist umstritten.
Christiane König betreibt vier Apotheken in Neuss bei Düsseldorf. Die Apothekerin mag ihre Arbeit. Doch eines macht ihr Sorgen: Immer wieder kommt es zu Lieferengpässen. Fast dauerhaft knapp seien bestimmte Antibiotika, sagt sie.
Aber auch andere Arzneimittel seien betroffen, zuletzt etwa Medikamente für Asthmatiker und Blutfettsenker. “Es sind keine Exoten, die fehlen, sondern Medikamente des täglichen Bedarfs. Das macht das Ganze besonders ärgerlich”, sagt sie.
Knappheiten betreffen vor allem Generika
Im Herbst 2025 waren in Deutschland kontinuierlich über 550 Arzneimittel knapp. Das zeigen Daten vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Das Problem ist bekannt, aber offenbar schwer zu ändern. Die Engpässe betreffen vor allem Generika, also Arzneimittel, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist.
“DOK5 – das Radiofeature” hat für den WDR mit Großhändlern, Pharmaherstellern, Ärzten, Apothekern und Wissenschaftlern über die Ursachen und mögliche Lösungen gesprochen. Teile der Generikaproduktion seien nach Indien und China abgewandert, sagt Bork Bretthauer, der Geschäftsführer des Pharmaherstellerverbands Pro Generika. Das sei ein Problem.
Starke Konzentration im Markt als Problem
Das andere: Die Generikaproduktion finde weltweit in immer weniger, immer größeren Fabriken statt. Das mache die Herstellung von Arzneimitteln zwar günstiger. Doch wenn eine dieser Großfabriken zeitweise ausfalle oder die Produktion dauerhaft einstelle, komme es weltweit zu Knappheiten.
Ursache für diese Strukturen im Markt ist aus Sicht von Ulrike Holzgrabe, Seniorprofessorin für pharmazeutische und medizinische Chemie an der Universität Würzburg, der Preisdruck bei Generika. Dadurch lohne sich die Herstellung von Nachahmer-Medikamenten in Europa kaum noch, sagt sie.
Wirkung politischer Maßnahmen ist umstritten
Die Politik versucht, die Engpässe zu mindern. Die frühere Ampel-Regierung hat 2023 das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) verabschiedet. Das Gesetz hat Preiserhöhungen bei Kinderarzneimitteln möglich gemacht und die Lagerhaltungspflichten für Pharmahersteller und Großhändler verstärkt.
Die Maßnahmen sind aber umstritten. Aus Sicht des Verbands Pro Generika ist die Versorgung mit Kinderarzneimitteln durch die neuen Preisregeln besser geworden. Der Spitzenverband der Krankenkassen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kritisiert dagegen: “Der Gesetzgeber hat mit dem ALBVVG zahlreiche Ausnahmen bei bewährten Preismechanismen eingeführt, daran aber keine Regelungen für eine verbindliche Verbesserung der Versorgungssicherheit geknüpft.”
Mehr Produktion in Europa als Lösung?
Die verstärkten Lagerhaltungspflichten für Großhändler und Hersteller hält der GKV-Spitzenverband dagegen für sinnvoll – anders als Pharmahersteller und Großhändler. Der Spitzenverband fordert zudem ein “permanentes, anlassloses Monitoring aller Arzneimittel auf allen Handelsstufen, um Lieferengpässe möglichst im Voraus (…) abzufedern und bestenfalls zu verhindern.”
Michael Kuck, der Chef des Essener Arzneimittelgroßhändlers Noweda, ist dagegen überzeugt, dass es vor allem wieder mehr Generikaproduktion in Europa braucht, um Lieferengpässe zu reduzieren und auch um bei der Arzneimittelproduktion strategisch wieder unabhängiger zu werden.
Drohen höhere Preise?
Dieses Ziel hat auch die EU-Kommission mit dem “Critical Medicines Act”. Eine stärker europäische Produktion werde Generika allerdings verteuern, sagt Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Das gehe zulasten der Beitragszahler in der gesetzliche Krankenversicherung, die schon jetzt mit steigenden Ausgaben kämpft.
Lieber billig oder unabhängig? Das ist also eine Kernfrage, die politisch zu klären ist. Sicher ist: Die Lieferengpässe zu mindern, braucht Zeit. Die Engpässe hätten sich im Herbst auf hohem Niveau eingependelt, sagt die Apothekerin Christiane König. “Ich bin gespannt, wie der Winter läuft.”
