Massenproteste im Iran: Welche Rolle kann der Schah-Sohn spielen?

Massenproteste im Iran: Welche Rolle kann der Schah-Sohn spielen?

Reza Pahlavi

Stand: 10.01.2026 09:33 Uhr

Im Iran wächst der Druck auf das Regime – und es werden die Rufe nach dem Schah-Sohn Reza II. lauter. Dabei bleibt seine Rolle umstritten: Einige sehen in ihm eine Hoffnung, andere sind skeptisch.

Uwe Lueb

Der große Basar in Teheran – Händler rufen: “Verflucht seien die explodierenden Preise!” Von ihnen, den sogenannten Basaris, geht Ende Dezember die jüngste Protestwelle im Iran aus. Wenig später erfasst sie weite Teile des Landes. Teils schlägt Protest in Gewalt um. Menschenrechtsorganisationen sprechen schon von Dutzenden Toten.

Die Regierung versucht, einen Keil zwischen die Protestierenden zu treiben – äußert Verständnis und spricht zugleich von der Verantwortung ausländischer Geheimdienste. Die nämlich hätten in einem ersten Schritt geplant, wie der Iran zersetzt werden könne, sagt Irans Polizeichef Ahmad Radan: “An zweiter Stelle werden die Pläne über das Internet verbreitet. Das erledigen die Handlanger der ausländischen Sicherheitsdienste.”

Die dritte Gruppe seien dann diejenigen, die die Pläne auf den Straßen umsetzten, “was schließlich zu Ausschreitungen führt”.

Erst Wirtschaftsfrust, dann Regimekritik

Tatsächlich sind viele Menschen wütend. Nicht nur Händler leiden unter den wirtschaftlichen Verhältnissen. Ein junger Taxifahrer in Teheran sagt, er sei gut ausgebildet, aber perspektivlos – so wie viele im Land: “Ich fahre seit drei Jahren Taxi und ich beobachte, dass die Menschen sogar an Grundbedürfnissen sparen, um über die Runden zu kommen.”

In die anfänglichen Wirtschaftsproteste mischen sich immer öfter politische Forderungen – wie etwa bei der Beerdigung zweier getöteter Demonstranten in Malekshahi im Westen Irans: “Nieder mit der Islamischen Republik Iran!”, skandiert die Menschenmenge. Woanders heißt es unverhohlen: “Tod dem Diktator!”. Gemeint ist Ali Chamenei, oberster religiöser Führer und mächtigster Mann im Iran.

Schah-Sohn als “Vater der Iraner”?

Und vermehrt sind auch Rufe nach dem Schah zu hören. Der Sohn des 1979 gestürzten Reza Pahlavi, Reza II., bietet sich von seinem Exil in den USA aus aktiv an, stellt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, zuletzt an der Uni Bern, im ARD-Interview fest:

Reza II. versucht als ‘Kronprinz’, wie er sich jetzt immer mehr zu titulieren gedenkt, und als ‘Vater der Iraner’, wie er sich selbst sieht, so eine Art von Übergröße aufzubauen, mit der er dann das Land als Nation zusammenfassen kann.

Unter diesem Überbau, so Schulze, könnte sich dann eine neue iranische Ordnung herausbilden.

Zwischen Hoffnung und Zweifel

Der Schah als möglicher “Geburtshelfer” eines neuen Iran – so kann es sich auch Gilda Sahebi vorstellen. Anfang Januar sagte die Publizistin und Politikwissenschaftlerin mit iranischen Wurzeln im Deutschlandfunk: “Dieser Pahlavi ist jemand, der laut ist, der da ist, der vielleicht Macht hat, zu helfen.” Von Menschen im Iran habe sie gehört, dass sie – auch wenn politisch oder ideologisch zwar überhaupt nicht mit ihm verbunden – Pahlavi als jemanden ansehen, der sie von außen unterstützen könne.

Doch: Dass es so weit kommt, sei im Moment unwahrscheinlich, meint Iran-Experte Schulze. In Teilen erinnere die Lage zwar an die Zeit Ende der 1970er-Jahre, als Ajatollah Chomeini zum Kristallisationspunkt der Opposition wurde und letztlich den Schah stürzte.

Die politische Durchschlagskraft Chomeinis habe Reza II. jedoch nicht:

Chomeini hat eine ganze Ideologie hinter seiner Person versammeln können, und das hat Reza II. im Augenblick noch nicht. Er kann sich immer nur als Sohn des Schahs anbieten – und das dürfte für eine Massenmobilisation in Iran erheblich zu wenig sein.

Keine geeinte Opposition

Eine Masse, wie groß auch immer sie sein müsste, könnte tatsächlich das Regime in die Knie zwingen, meinen viele. Schon vor drei Jahren bei der “Frau, Leben, Freiheit”-Bewegung war davon die Rede. Doch damals schafften es die vielen Interessengruppen nicht, sich einheitlich zu organisieren.

Das dürfte auch jetzt schwierig werden, glaubt Schulze. Zu unterschiedlich seien die Interessen der Oppositionellen: “Das geht von Regionalisten, von Separatisten bis hin zu Zentristen oder auch sogar rechtsradikalen Gruppen.” Eine klare Positionierung der Opposition, die auch ein klares politisches Profil für die Zukunft werde aufbauen können, existiere immer noch nicht.

Wie groß ist der Rückhalt in der Bevölkerung?

Obendrein mahnt Schulze, den Rückhalt in der Bevölkerung für die Oppositionellen, die einen Regimewechsel wollten, nicht zu überschätzen. Gerade die Jungen – aber auch Ältere und viele Frauen – wollten vor allem eine Verbesserung ihrer Lebensmöglichkeiten. Ein ideologisch motivierter Sturz des Regimes sei nicht ihr Hauptinteresse.

Sahebi sieht das anders. In einem Punkt nämlich seien sich die meisten Menschen im Iran einig: in der Ablehnung des Regimes, wie es heute existiert: “Es gibt kaum Familien, die nicht irgendjemand verloren oder im Gefängnis haben – die eben nicht wirtschaftlich leiden.” Die Menschen wollten einfach nicht mehr unter der Diktatur leben – auch wenn sie nicht wüssten, was passieren werde.

Schätzungsweise mindestens Zehntausende haben das zuletzt auf den Straßen des Iran gezeigt. Eine amerikanische Denkfabrik registriert rund 160 Demonstrationen in 27 Provinzen des Landes allein am Donnerstagabend. Der Druck auf das Regime wächst.

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