Die Proteste gegen das iranische Regime erreichen neue Ausmaße: Demonstrierende legen Brände und errichten Barrikaden, Flüge in das Land sind teils gestrichen. Erinnerungen an den Arabischen Frühling werden wach.
Donnerstagabend in Teheran: Demonstrierende rufen den Namen des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Dessen Sohn hatte im amerikanischen Exil mit dazu aufgefordert, gegen das Regime im Iran zu protestieren.
Doch nicht nur Anhänger des Schahs demonstrieren: Die Opposition ist vielschichtig. Später setzt sich vermehrt der Ruf “Nieder mit dem Diktator” und “Tod dem Diktator” durch: Gemeint ist Ali Khamenei, oberster Führer im Land. Immer stärker werden er und sein Regime von Iranerinnen und Iranern als Unterdrücker wahrgenommen.
Landesweite Proteste, brennender Staatssender
Unzählig viele Menschen gehen am Donnerstagabend im Iran auf die Straßen. Eine US-amerikanische Denkfabrik spricht von fast 160 Demonstrationen in 27 Provinzen des Landes.
Teils schlagen die Proteste in Gewalt um. Barrikaden und Müllcontainer brennen. Demonstrierende legen Feuer an eine Statue von Qassem Suleimani – er war Chef der Auslandstruppen der Revolutionsgarde. Die USA haben ihn vor sechs Jahren getötet. Das Regime verehrt ihn als Helden.
In Isfahan wird nach Berichten des persischen Kanals der BBC unter dem Jubel der Menschen der Eingang des Gebäudes des staatlichen Fernsehens in Brand gesetzt. Woanders hissen Demonstrierende die iranische Flagge mit dem Wappen des Löwen, der Sonne und des Schwerts – die Flagge bis zur Islamischen Revolution 1979.
Menschenrechtsorganisation berichten von Toten
Das Regime geht offenbar mit aller Härte gegen Demonstrierende vor, Polizisten sollen Tränengas einsetzen. Überprüfen lassen sich die Berichte aus dem Iran nicht. Insbesondere was seit dem späten Abend passiert, ist unklar.
Denn Internet und Telefonverbindungen sind abgeschaltet. Ausländische Fluggesellschaften streichen teils Flüge in das Land. Am Morgen berichten staatliche iranische Medien über die Proteste, sprechen auch von Opfern. Zahlen nennen sie aber nicht. Schon vor Donnerstagabend sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Dutzende Menschen in der aktuellen Protestwelle getötet worden.
Das Regime macht ausländische Drahtzieher für die Ausschreitungen verantwortlich – namentlich aus den USA und Israel. Khamenei sagte im iranischen Fernsehen in Anspielung auf US-Präsident Donald Trump, im Iran ruinierten Demonstranten ihr Land, um den Präsidenten eines anderen Landes glücklich zu machen.
Protestwelle so groß wie noch nie
Die jetzige Protestwelle ging von den Basar-Händlern in Teheran aus. Ende Dezember begannen sie, gegen die miserable Wirtschaftslage im Land zu protestieren. Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, zuletzt an der Universität Bern, zog schon Mitte der Woche im ARD-Interview mögliche Parallelen zu Aufständen und Umbrüchen vor 15 Jahren:
Das erinnert natürlich ein wenig an den arabischen Frühling, wo auf einem Markt in Tunesien der Ausgangspunkt gesetzt wurde und dann eine ganze Revolutionsfront im Nahen Osten entstanden ist.
Ob die Protestierenden im Iran das Regime am Ende besiegen, ist ungewiss. Das, so Schulze, hänge auch von der Größe der Demonstrationen ab. Donnerstagabend waren es jedenfalls die größten während dieser Protestwelle.

