interview
US-Präsident Trump begründet seinen Anspruch auf Grönland mit einem Vordringen Russlands und Chinas. Der Arktis-Experte Michael Paul hält das für einen Vorwand. Im Interview erklärt er, welche Probleme die USA in Grönland erwarten würden.
tagesschau.de: Herr Paul, welche geopolitische Dynamik entfaltet das Schmelzen des Eises in der Arktis rund um Grönland – wie ist dort die militärische Lage?
Michael Paul: Die militärische Lage dort wird von der Situation in der Arktis allgemein beeinflusst. Die Erderwärmung führt dazu, dass das Meereis und das Inlandeis schmelzen und dadurch die Zugänge zur Arktis zum Teil besser werden, sich zum Teil allerdings auch verschlechtern.
Die amerikanische Arktisstrategie rechnet damit, dass ab dem Jahr 2030 im Sommer die Arktis eisfrei sein wird, das heißt weniger als eine Million Quadratkilometer von Eis bedeckt sein wird. Das heißt aber dann im Umkehrschluss nicht, dass die Arktis einfacher navigierbar sein wird.
Die Kanadier sagen dazu: “Less ice means more ice” – weniger Eis bedeutet mehr Eis. Das heißt, das einjährige Eis kann sich zu Packeis zusammenballen und damit zum Beispiel in der Nordwestpassage, aber auch in der Beringstraße die Zugänge blockieren. So ganz einfach ist es also nicht. Auch militärisch ist nicht einfach abzuleiten, dass das Eis schmilzt und deshalb die Arktis einfacher zugänglich sei.
Zur Person
Michael Paul ist Senior Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Sicherheitspolitik und die Entwicklung im arktischen Raum. 2022 erschien von ihm “Der Kampf um den Nordpol – Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte”.
“Der neue Akteur ist China”
tagesschau.de: Dennoch gibt es ja die große Sorge, jedenfalls formulieren es so die USA, dass Russland und China mit ihren Schiffen in diesen Raum vordringen. Lässt sich das tatsächlich so beobachten? Und was sind die strategischen Pläne von Russland und China in dieser Region?
Paul: Russland ist schon immer im Arktischen Ozean präsent, von der Zarenzeit über den Kalten Krieg bis heute. Da hat sich relativ wenig geändert, außer dass Russland zunehmend aggressiver auftritt.
Der neue Akteur ist China. China baut in letzter Zeit verstärkt eisbrechende Schiffe, die es ihnen ermöglichen, auch im Arktischen Ozean aktiv zu werden. Das ist aber ein längerfristiger Trend, der sich daran zeigt, dass von chinesischer Seite der Arktische Ozean auch Teil der polaren Seidenstraße ist.
“Grönland ist nicht bedroht”
tagesschau.de: Was sind denn die Ziele, die China damit verbindet?
Paul: China ist auf dem Weg zur Weltmacht, und dazu gehört die Kontrolle der wichtigen Seewege. Die Seewege durch die Arktis werden in den 2030er-, 2040er-Jahren an Bedeutung gewinnen und einen wichtigen Teil des globalen Handels und der globalen Seewege darstellen.
Im Übrigen ist der arktische Seeweg für die Chinesen auch eine Ersatzroute im Falle eines Malakka-Dilemmas nach einer Invasion Taiwans oder nach Zwischenfällen im Südchinesischen Meer. Wenn die US-Marine infolgedessen die Malakka-Straße blockieren würde, wäre die arktische Route ein Ersatzweg für die Anlieferung von Rohstoffen nach China.
tagesschau.de: Und entsteht aus der Präsenz Chinas und Russlands eine militärische Bedrohung für die USA oder das westliche Bündnis insgesamt?
Paul: Da muss man jeweils von Region zu Region unterscheiden. Die NATO hat sich in den vergangenen Jahrzehnten relativ wenig um die Arktis gekümmert, weil es den Einzelstaaten, den Arktisstaaten oblag, sich hier um Sicherheit zu kümmern und es von einzelnen Staaten auch nicht gewünscht war, dass sich die NATO der Sicherheitsfragen in der Arktis annimmt. Zum Beispiel war Kanada lange Bremser.
Das hat sich spätestens seit der Invasion der Ukraine verändert, als die Russen zunehmend aggressiver aufgetreten sind und auch in der Arktis zunehmend ein eskalationsträchtiges Verhalten zeigen. Aber da muss man dann jeweils unterscheiden, ob es sich um die amerikanische Arktis, die europäische Arktis oder die Zentralarktis handelt. Das sind jeweils unterschiedliche Räume, die dann auch unterschiedliche Sicherheitslagen zur Folge haben. Aber Grönland ist nicht bedroht.
“USA könnten auf Grönland weitere Basen errichten”
tagesschau.de: Trotzdem sagen ja die USA, sie bräuchten Grönland für ihre nationale Sicherheit. Ist das nachzuvollziehen?
Paul: Grönland war seit 1832 Thema in US-amerikanischen Regierungen. Und für Donald Trump ist es der größtmögliche territoriale Deal, den er erzielen kann. Das ist die Hauptveranlassung. Sicherheitsgründe sind nicht vorrangig. Die Amerikaner können ohne Weiteres weitere Verteidigungsbasen auf Grönland errichten, mit Zustimmung der Grönländer und Dänen. Das ist überhaupt kein Problem. Insofern sind die Sicherheitsgründe von Trump vorgeschobene Argumente.
tagesschau.de: Und wenn es vorgeschoben ist, dann liegt ja der Verdacht nahe, dass es dann zumindest auch, wenn nicht sogar vorrangig, um Rohstoffe geht.
Paul: Nicht nur. Es geht wie seit dem 19. Jahrhundert um die strategische Lage Grönlands und es geht um Rohstoffe. Die Aluminiumproduktion war schon im Zweiten Weltkrieg von Bedeutung, aber das ist insofern zu relativieren, als zum Beispiel in Afrika die Rohstoffe sehr viel leichter zu explorieren und zu fördern sind als auf Grönland.
Grönland ist eine Insel. Sie müssen erst mal Häfen bauen, sie müssen dort Straßen errichten, sie müssen Arbeitskräfte heranführen, für die müssen sie Häuser bauen und so fort. Die Minenwirtschaft auf Grönland braucht eine sehr lange Anlaufzeit. Selbst wenn Trump sich eine weitere Amtszeit erhoffen sollte, würde er wahrscheinlich dann noch keinen Ertrag zu sehen.
“Die Maßnahmen sind bereits auf dem Weg”
tagesschau.de: Jetzt steht die Forderung nach einer Übernahme im Raum, und die Frage ist, wie man damit umgeht. Wäre etwas gewonnen, wenn die NATO sich stärker in der Region engagieren würde? Kann Dänemark das selber leisten oder welche Antworten könnte man darauf finden?
Paul: Die NATO hat strategische Interessen in der Arktis. Sie sehen es auch an den Deutschen und den Aufrüstungsmaßnahmen, zum Beispiel dem Kauf des Seefernaufklärers Boeing P8 Poseidon, dass Deutschland bemüht ist, sich auf den Weltmeeren oder auf den naheliegenden Meeren stärker einzubringen. Und das ist neben Ost- und Nordsee in zwingender Weise auch der nordatlantisch-arktische Raum. Auch die Dänen haben sich vor kurzem entschieden, drei Seefernaufklärer anzuschaffen.
Insofern würde ein Verbund mit den Briten, den US-Amerikanern, künftig auch den Kanadiern und den Norwegern entstehen, um zum Beispiel diesen kritischen Bereich der Seefernaufklärung und auch der U-Boot-Abwehr zu verbessern. Insofern sind die Maßnahmen bereits auf dem Weg. Und es gibt natürlich viele andere Bereiche, so dass da die entsprechenden Maßnahmen bereits eingeleitet sind.
tagesschau.de: Trump sagt dazu, Dänemark habe lediglich die zusätzliche Anschaffung eines Hundeschlittens beschlossen ….
Paul: …das ist, auf gut Bairisch, ein Schmarrn.
“Eine unselige Verkoppelung”
tagesschau.de: Was, wenn jetzt trotzdem die Begehrlichkeiten der US-Administration handfest werden? Was können die westlichen NATO-Staaten, was kann Europa tun, um dem entgegenzuwirken?
Paul: Letzten Endes ist es die Fortsetzung dessen, was ich gerade beschrieben habe – nämlich auch in Bezug auf Russland die Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit, die wir in den 1970er-, 1980er-Jahren hatten, wiederherzustellen und auf dieser Basis dann auch für die USA wieder ein ernstzunehmender Partner zu werden.
Wir haben einfach in den letzten Jahrzehnten zu stark abgerüstet und sind deshalb nicht mehr in dem Maße verteidigungsfähig, wie wir das in früheren Zeiten waren. Insofern gibt es eine unselige Verkopplung der Vollinvasion der Ukraine durch Russland, für deren Eindämmung wir die amerikanische Unterstützung benötigen, mit gleichzeitig neuen Gefährdungen durch den US-amerikanischen Verbündeten, der das Gebiet eines NATO-Mitglieds für sich beansprucht.
“USA müssten Grönland wie die Dänen alimentieren”
tagesschau.de: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist bei Trump auch ein irrationales Element dabei – sie haben von dem für ihn größtmöglichen Immobilien-Deal gesprochen. Spielt da die Frage, wie stark die Verteidigungsfähigkeit der Europäer ist, gar nicht so sehr die Rolle, allenfalls eher unter dem Aspekt: Kann man damit auch die USA abschrecken?
Paul: Zweifellos. Wenn sich der US-amerikanische Kongress endlich seiner Rolle wieder erinnern würde, dann würde sicherlich eine kritischere Diskussion im Senat und im Repräsentantenhaus stattfinden. Eine Annexion von Grönland heißt auch, dass man die dortigen Menschen und Lebenslagen übernimmt.
Man müsste einen skandinavischen Wohlfahrtsstaat übernehmen und weiterhin alimentieren, so wie es die Dänen seit Jahrzehnten tun. Man würde sich Grönland nicht nur militärisch aneignen, sondern auch mit seiner sozialen Situation. Es wäre ein Völkerrechtsbruch erster Ordnung und ein Bruch mit einem langjährigen und erwiesenermaßen treuen Verbündeten, der allen amerikanischen Interventionen im Irak und in Afghanistan zur Seite stand und unterstützte.
tagesschau.de: Halten Sie einen solchen Schritt für wahrscheinlich?
Paul: Trump hat die Unberechenbarkeit zu seiner Politik gemacht. Insofern ist nichts auszuschließen. Aber wir werden abzuwarten haben, wie sich die Lage in Venezuela entwickelt und ob der amerikanische Kongress tätig wird und sich in diesen Völkerrechtsbruch einmischt, weil er gravierende Auswirkungen auf die amerikanische Sicherheit haben kann. Insofern müssen wir einfach abwarten, wie sich die Lage entwickelt.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de. Für die schriftliche Fassung wurde das Gespräch leicht angepasst.
