“Blutiges Drehbuch, das niemand lesen wollte”: In der internationalen und deutschen Presse überwiegt Kritik am US-Angriff auf Venezuela und an der Gefangennahme Maduros. Einige Zeitungen sehen die Aktion aber positiv.
Nach dem Angriff der USA auf Venezuela und dem Sturz von Staatschef Nicolás Maduro kritisieren große internationale Zeitungen vor allem das Vorgehen der US-Regierung. Laut der spanischen Zeitung El País offenbart der US-Angriff auf Venezuela schamlos eine “alte Logik” der USA:
Wir gehen hinein, weil wir es können, wir behalten, was uns passt, und wir entscheiden nach unseren Interessen, wer das Sagen hat.
Das Blatt sieht zudem die Chance auf Veränderung in Venezuela skeptisch: “Mit dem Verstreichen der Stunden wird deutlich, dass die Festnahme von Maduro (…) keine neue Ära für Venezuela einläutet.”
Die Zeitung Sme aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava betont zwar die fehlende Legitimität Maduros. Es sei aber überhaupt nicht klar, wie US-Präsident Donald Trump eine Demokratisierung Venezuelas sicherstellen wolle, wenn er mit seinem Militäreinsatz selbst das Völkerrecht verletze:
Wir treten offensichtlich in eine Ära ein, (…) in der zum Maß, zum Kompass oder zum Gradmesser der Entscheidung immer öfter egoistische Ziele mächtiger Einzelner werden.
Ouest-France: Trump ignoriert Völkerrecht
Laut der französischen Zeitung Ouest-France macht die Absetzung des Präsidenten eines souveränen Staates ohne Einbeziehung der UN die Welt gefährlicher. “Wir haben nun weniger Argumente, wenn Moskau oder Peking oder eine andere Macht beschließt, ebenso zu handeln.” Ouest-France schreibt weiter:
Es ist eine Sache, die Regeln des Völkerrechts nicht vollständig einzuhalten oder zu missachten, aber eine ganz andere, sie einfach zu ignorieren. Genau das tut Donald Trump jedoch
Die Times aus London schreibt hingegen: “All jene, die den Sturz Maduros kritisieren und auf das Prinzip der nationalen Souveränität verweisen, sollten den Venezolanern zuhören.” Diese hätten ihre Meinung zur Maduro-Regierung bei der Präsidentschaftswahl 2024 verdeutlicht: Oppositionskandidat Edmundo González habe doppelt so viele Stimmen wie Maduro erhalten. “Das Regime reagierte, indem es die Zahlen fälschte und somit Wahlbetrug beging.”
NZZ: Nutzen übersteigen die Kosten
Ähnlich argumentiert die Neue Zürcher Zeitung: Aus “moralischer Sicht” übersteige der Nutzen die Kosten der Operation voraussichtlich deutlich. Ein Diktator, der Venezuelas Wirtschaft “völlig zerstört hat”, der immer wieder “Oppositionelle verhaften, foltern und ermorden ließ” und der sich durch Wahlbetrug und Korrumpierung der demokratischen Institutionen an der Macht gehalten habe, sei nun weg.
Die Washington Post sieht in die Zukunft und rät der Trump-Regierung, “konsequent Partei für das venezolanische Volk” zu ergreifen. Es sei von US-Amtsträgern unklug gewesen, der Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado Chancen auf eine Präsidentschaft voreilig abzuschreiben: “Sie genießt Legitimität beim venezolanischen Volk” und habe sich für Demokratie und freie Märkte eingesetzt.
“Blutiges Drehbuch, das niemand lesen wollte”
Auch in den deutschen Zeitungen gibt es Stimmen, die zwar das Ende der Maduro-Herrschaft gutheißen, die Wahl der Mittel jedoch kritisieren: “Auch wenn das Ende von Maduros diktatorischer Herrschaft ja begrüßenswert ist, muss der Weg dorthin beunruhigen”, schreibt etwa die Neue Osnabrücker Zeitung. Der Umsturz folge einem “blutigem Drehbuch, das niemand lesen wollte”.
Die Süddeutsche Zeitung (SZ) aus München sieht hinter dem Angriff mehr als ein erfolgreiches Militärmanöver:
Es geht um einen Staatsstreich in einem souveränen Land, den der US-Präsident aus dem heimischen Wohnzimmer in Florida heraus koordiniert hat.
Nicht zuletzt geht es darum, wer jetzt eigentlich im erdölreichsten Staat der Erde das Sagen hat. “Wobei das aus Sicht des US-Präsidenten recht einfach zu beantworten ist: Ich”, meint die SZ.
“Wie eine Großmacht des 19. Jahrhunderts”
Die Rheinpfalz aus Ludwigshafen kritisiert ein fehlendes UN-Mandat für den Angriff, “selbst wenn es sich um Diktaturen handelt”. Wer die Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren ersetze, so das Blatt, mache das Völkerrecht zur verhandelbaren Option.
Ähnlich sieht das auch die Märkische Oderzeitung aus Frankfurt (Oder): “Die USA handeln unter Trump wie eine Großmacht des 19. Jahrhunderts. Das nationale Interesse steht über allem.”
Außenpolitik dominiert von privaten Interessen
Die Nordsee-Zeitung aus Bremerhaven sieht die Lage pragmatisch: “Um Maduro und seine Frau ist es nicht schade”, die US-Militäraktion habe nicht die Falschen getroffen. Gleichzeitig mahnt das Blatt:
Die Hoffnung, dass es dem Land bald besser gehen wird, ist gering. Denn Trumps Außenpolitik ist von wirtschaftlichen Interessen dominiert, auch ganz privaten.
