Immer wieder neue Hiobsbotschaften aus der Autobranche: Es gibt Milliardeneinbußen, Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job. Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht, aber die Politik will Schlimmeres verhindern.
Dass die Autoindustrie in einer tiefen Krise steckt, kommt für Jürgen Pieper nicht überraschend. Er beobachtet die Branche seit vielen Jahren, spricht von hausgemachten Problemen, aber auch davon, wie schwierig es sei, weil die deutschen Hersteller über Jahrzehnte hinweg so erfolgreich waren. “Deshalb ist die Bereitschaft nicht so groß, in neue Technologien zu investieren, weil man glaubt, mehr zu verlieren als gewinnen zu können”, so der Automobilexperte.
Rahmenbedingungen verschlechtern sich
Den deutschen Autoherstellern macht zu schaffen, dass immer neue Konkurrenten auf den Markt drängen. Die Zollpolitik des amerikanischen Präsidenten zeigt Wirkung. Viele Fahrzeuge, die von Deutschland oder Europa aus in die USA exportiert werden, sind durch hohe Zollaufschläge für US-Kunden deutlich teurer und damit unattraktiver. In China können die deutschen Autobauer mit ihren Premiumfahrzeugen bei der Kundschaft kaum noch punkten.
“Das führt natürlich zu Problemen für die deutschen Hersteller, zumal China und USA für die meisten deutschen Hersteller der größte Absatzmarkt waren”, resümiert Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover. “Und wenn diese Märkte schwächeln, dann merkt man das natürlich bei den Gewinnen der Unternehmen.”
Die Experten bei der Beratungsgesellschaft EY sprechen von einem “perfekten Sturm”. Die deutschen Autobauer verdienen demnach so wenig wie seit der Finanzkrise nicht mehr und die Prognosen sehen düster aus. Im internationalen Vergleich dürften die Deutschen und mit ihnen ganz Europa eine immer kleinere Rolle spielen. “Für viele Hersteller steht das komplette Geschäftsmodell auf dem Spiel”, so der EY-Experte Constantin Gall. “Bei einigen Herstellern wird sich die Existenzfrage stellen.”
Weiterer Stellenabbau ist zu erwarten
Die Autobauer reagieren auf die schwierigen Rahmenbedingungen, wollen retten, was zu retten ist. Deshalb werden Standorte verkleinert, Werke geschlossen oder die Produktion wird ins Ausland verlagert. Gleiches passiert bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen oder Continental.
Nach Einschätzungen von Ferdinand Dudenhöffer, dem Direktor des privaten Centers Automotive Research (CAR) in Bochum, könnte die Zahl der Beschäftigten von derzeit rund 720.000 Menschen auf deutlich weniger als 700.000 zurückgehen. Für 2027 gehe er von 650.000 Beschäftigten aus.
Hilft der Verbrennungsmotor noch?
Nicht nur die Autohersteller, sondern auch Politiker werden nervös. So gehört doch die Autoindustrie mit ihren nachgelagerten Dienstleistungen zu den wichtigen Arbeitgebern im Land. Die EU-Kommission schlägt jetzt eine Abkehr vom sogenannten Verbrenner-Aus vor. Das würde bedeuten, dass auch nach 2035 die Autohersteller weiter Verbrenner- und Hybridfahrzeuge auf den Markt bringen dürfen.
Bei Autobauern stoßen die Vorschläge auf Zustimmung, Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßt sie als “richtige Schritte”, andere sprechen von einem “Lippenbekenntnis”. Das löse weder die aktuellen Probleme der Hersteller noch sichere es Industriejobs in Deutschland, so die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, die Volkswirtin Monika Schnitzer. “Würde man diese Arbeitsplätze retten, wenn man das Verbrenner-Aus jetzt verschiebt? Ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall.”
Zukunft liegt im E-Auto – mit weniger Gewinnen
Für Jürgen Pieper gehört die Zukunft der Elektromobilität. “In der Übergangszeit ist das zwar eine Belastung. Wenn der E-Anteil steigt, fallen die Gewinne”, gibt er zu bedenken. “Und trotzdem wird man in Zukunft umso stärker abgehängt sein, je weniger man auf die Karte E-Mobilität setzt.”
Statt immer wieder das Verbrenner-Aus auf die lange Bank zu schieben, würde Branchenbeobachter Christoph Stürmer ganz andere Faktoren in den Blick nehmen. Den Gebrauchtwagenmarkt zum Beispiel. “Man kauft einen Neuwagen nur, wenn man ein gutes Gefühl dafür hat, dass man ihn sinnvoll auch wieder verkaufen kann. Keine Bank finanziert ein Leasingfahrzeug, wenn der Rest-Wert im Zweifel steht. Da müssen wir noch nachlegen.”

