Warum Rekordsieger Irland den ESC boykottiert

Warum Rekordsieger Irland den ESC boykottiert

Eine große Anzeigetafel weist in der Stadthalle Wien auf den ESC 2026 hin.

Stand: 05.12.2025 16:29 Uhr

Die deutsche Regierung begrüßt, dass Israel beim ESC mitmachen darf – und nennt den Boykott mancher Länder “bedauerlich”. Eines dieser Länder ist Rekordsieger Irland. Wie sind dort die Reaktionen?

Gabi Biesinger

Siebenmal gewann Irland den Eurovision Song Contest – so oft triumphierte nur Schweden. Der Wettbewerb hat auf der musikbegeisterten Insel viele Fans, doch die Solidarität mit den Palästinensern scheint noch größer zu sein. Auch bei Charlie McGettigan, der den ESC-Sieg 1994 mit einer Ballade auf die grüne Insel holte. Er sagte, er sei sehr froh, dass der öffentlich-rechtliche Sender RTÉ nicht mitmachen wolle. Man müsse Unterstützung für die Menschen in Gaza zeigen – “was ihnen in den vergangenen drei Jahren passiert ist und auch in den Jahrzehnten davor”.

RTÉ hatte – nachdem die EBU Israel beim ESC 2026 in Wien nicht von der Teilnahme ausgeschlossen hatte – erklärt, dann werde eben Irland aussteigen:

RTÉ hält die Beteiligung Irlands angesichts der entsetzlichen Verluste an Menschenleben im Gazastreifen und der dortigen humanitären Krise weiterhin für unverantwortlich. RTÉ ist weiterhin zutiefst besorgt über die gezielten Tötungen von Journalisten im Gazastreifen und die anhaltende Verweigerung des Zugangs für internationale Journalisten zu dem Gebiet.

Viel Lob für RTÉ, wenig Kritik

Im Fokus der Begründung von RTÉ steht also auch explizit der Umgang Israels mit der Presse. Irische Kampagnengruppen und Gewerkschaften begrüßen den Schritt. Die Dubliner National Union of Journalists bezeichnete die Entscheidung der EBU, Israel im Wettbewerb zu belassen, als “nicht zu verteidigen”.

Die Ireland Palestine Solidarity Campaign schrieb in sozialen Medien: “Gut gemacht, RTÉ!” Und auch auf Dublins Straßen viel Verständnis: “Gut, dass Irland und RTÉ sich gegen den Völkermord in Gaza stellen”, sagt eine Passantin. Nachdenkliche Stimmen dagegen in der Minderheit. Ein Mann wandte ein, er halte es für fragwürdig, auch die Israelis auszuschließen, die gegen die Regierung Netanjahu und ihr Vorgehen in Gaza seien.

Viele Iren solidarisieren sich mit Palästinensern

Medienminister Patrick O’Donovan betonte im RTÉ-Interview die Neutralität der irischen Mitte-Rechts-Regierung in dieser Frage. RTÉ treffe als unabhängiger Sender eigene Entscheidungen. Als Minister respektiere und verstehe er die Position.

Viele, vor allem Linke, in Irland sehen in der Situation in Gaza Parallelen zur eigenen Geschichte, darum ist die Solidarität mit Palästina groß: Irland litt jahrhundertelang unter dem Joch und der britischen Siedlungspolitik, bis das Land sich im Unabhängigkeitskrieg befreite. Nachdem Irland Palästina als Staat anerkannt und die Klage Südafrikas wegen Völkermord gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof unterstützt hatte, schloss Israel im vergangenen Jahr seine Botschaft in Dublin.

Und erst vor wenigen Wochen wählten die Iren eine Frau zur neuen Präsidentin, deren Unterstützung für Palästina besonders radikal ist. Catherine Connolly nannte im Wahlkampf Israel einen “Terrorstaat” und bezeichnete die Hamas als “Teil der palästinensischen Zivilgesellschaft”. Beide müssten irgendwann an einem Tisch zusammenkommen, sagte Connolly.

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