Artenschutzkonferenz: Die Crux mit den Schutzgebieten
Die Welt-Artenschutzkonferenz setzt sich für bedrohte Arten ein. Ein Ziel des Übereinkommens für die biologische Vielfalt: 30 Prozent der weltweiten Landesfläche soll unter Schutz. Wie weit ist Deutschland?
Noch bis zum 5. Dezember tagt die Welt-Artenschutzkonferenz in Usbekistan. Schutzanträge für mehr als 200 bedrohten Tier- und Pflanzenarten werden dort unter anderem verhandelt, um diese vor Plünderung und Handel zu schützen. Gegenstand der Diskussionen ist aber auch, inwieweit die Länder beim Erreichen der Biodiversitätsziele bisher Fortschritte gemacht haben.
Globaler Biodiversitätsrahmen von 2022
Den “globalen Biodiversitätsrahmen” haben 196 Staaten auf der COP 15 (“Conference of the Parties”, hier: Konferenz der Vertragsstaaten der Welt-Artenschutzkonferenz) im Dezember 2022 unterschrieben. Darin geht es weniger darum, einzelne Arten zu schützen. Vielmehr sollen mit dem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag die Bedingungen für die ganze Vielfalt der Arten auf der Erde verbessert werden.
Eines der Ziele in diesem Abkommen legt fest, dass bis 2030 30 Prozent der Landesfläche der Erde unter Schutz gestellt werden soll. Das vereinbarte Ziel ist ein wichtiges Instrument, um die vielen bedrohten Arten weltweit effektiv zu schützen.
Jedes Jahr verschwinden Tausende Tier- und Pflanzenarten
Das ist eine Maßnahme, die für den Schutz bedrohter Arten dringend notwendig ist. Denn jedes Jahr verschwinden Tausende Arten für immer von der Erde und etwa jede fünfte Art ist mittlerweile bedroht. Tatsächlich sterben gerade so viele Tier- und Pflanzenarten aus wie seit gut 65 Millionen Jahren nicht mehr, seit dem Ende der Dinosaurier.
Nicht jedes Schutzgebiet rettet bedrohte Arten
Wie weit ist Deutschland bei dem Ziel, 30 Prozent seiner Landesfläche für bedrohte Tier- und Pflanzenarten unter Schutz zu stellen? Nimmt man alle Naturschutzgebiete, die es in Deutschland gibt, zusammen – also etwa Nationalparks, Biosphärenreservate, Naturparks und Vogelschutzgebiete -, dann steht Deutschland heute gar nicht schlecht da.
Fast 30 Prozent der Fläche Deutschlands sind demnach schon geschützt, ganz so, wie es das Übereinkommen von 2022 erst für 2030 vorschreibt. Für einen effektiven Artenschutz reicht das aber nicht aus, kritisieren Fachleute. Schutzgebiet ist eben nicht gleich Schutzgebiet. So bringt es nichts, vor allem Schutzgebiete auszuweisen, wo es uns Menschen kaum oder gar nicht wehtut. Brachflächen etwa, die keinem etwas nutzen. Auch den bedrohten Tieren und Pflanzen nicht.
Schutz von Gebieten, in denen viele bedrohte Arten leben
Um für bedrohte Arten einen sicheren Lebensraum zu schaffen, müssen Gebiete geschützt werden, in denen noch viele bedrohte Arten leben. Und solche Gebiete gibt es auch im dicht besiedelten Deutschland noch: die feuchten Wiesen etwa, die die Uferschnepfe zum Brüten braucht. Ihnen und auch anderen Vogelarten helfen diese Schutzgebiete, um zu überleben.
Dies bestätigen auch Ergebnisse eines Forscherteams um Johannes Kamp, Leiter der Abteilung Naturschutzbiologie an der Universität Göttingen. Die Wissenschaftler haben sich angesehen, wie sich die Bestände von 42 Vogelarten während einer Dekade innerhalb und außerhalb von Schutzgebieten entwickelt haben.
Ihr Ergebnis: In Schutzgebieten entwickeln sich manche Vogelarten tatsächlich besser als außerhalb. Aber eben nur manche. Einer der Profiteure ist die Uferschnepfe. Laut Biologe Kamp hat der Wattvogel in Schutzgebieten “weniger stark abgenommen”.
Bedürfnissen der Arten
Für den Wissenschaftler ist klar: Schutzgebiete müssen so gestaltet sein, dass sie sich an den Bedürfnissen der bedrohten Tiere orientieren. Oft gelingt das dank des Engagements vieler Einzelner, so die Erfahrung des Biologen von der Universität Göttingen.
Er führt die Erholung der Uferschnepfe genau darauf zurück. “Wir wissen ziemlich genau, dass es für diese Art daran liegt, dass sich einzelne Verbände oder Einzelpersonen auch sehr stark für den Schutz der Art einsetzen und eben in Schutzgebieten die Lebensräume dieser Art sehr gut betreuen”, sagt er.
Die Menschen, die sich für die Uferschnepfen einsetzen, sorgen zum Beispiel dafür, dass Wiesengebiete nass bleiben, dass nicht weiter entwässert wird. Und dass nicht zu häufig gemäht wird und Fressfeinde der Vögel unter Kontrolle gehalten werden.
Deutschland hat bei Schutzgebieten noch “Luft nach oben”
Obwohl Deutschland in puncto Schutzgebiete für ein dicht besiedeltes Industrieland “einigermaßen gut” dastünde, hätte Deutschland noch “Luft nach oben”, sagt der Geoökologe Axel Paulsch vom Institut für Biodiversität in Regensburg.
Neben den gut überwachten und gut gemanagten Schutzgebieten sind nämlich auch Wildnisgebiete wichtig für viele Arten, also Räume, in denen menschliche Nutzung nicht nur geregelt, sondern vollständig verboten ist.
“Das Ziel sagt ja auch – zumindest haben wir das hier auf der EU-Ebene so beschlossen-, dass zehn Prozent dieser Schutzgebiete streng geschützt sein sollen, das heißt, ohne große menschliche Intervention, also einfach in Ruhe gelassen werden”, betont der Wissenschaftler. Von solchen streng geschützten Gebieten gibt es in Deutschland aber nicht einmal zwei Prozent.
Und noch etwas wäre in Deutschland verbesserungswürdig, sagt Axel Paulsch. Die Lebensräume von vielen Tier- und Pflanzenarten, die wir Menschen längst zu unserem Nutzen verändert haben – wie Flüsse, die begradigt wurden und die angrenzenden Auen, die zugebaut worden sind – die müssten in Teilen als Lebensraum wieder hergestellt werden.
Beispielsweise Moore: “Wir haben 95 Prozent der Moorflächen, die es natürlicherweise in Deutschland gäbe, entwässert, trockengelegt und in Agrarflächen umgewandelt. Da wäre natürlich Renaturierungspotenzial da”, sagt der Geoökologe Paulsch. Auch das würde vielen Arten helfen und ihr Aussterben auf Dauer verhindern.