PFAS-Belastung: Das Trinkwasser in Villy kann krank machen

PFAS-Belastung: Das Trinkwasser in Villy kann krank machen

Wasser fließt aus einem Hahn in ein Glas.

Stand: 27.11.2025 13:14 Uhr

Im französischen Villy darf Trinkwasser aus der Leitung nicht getrunken werden. Denn es ist massiv durch PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, belastet – und damit möglicherweise ein immenses Gesundheitsrisiko.

Carolin Dylla

Richard Philbiche füllt ein Glas mit Leitungswasser – und kippt es direkt wieder in die Spüle. Das Wasser ist mit PFAS verschmutzt, sogenannten “Ewigkeitschemikalien”.

“Das ist das Wasser von Villy. Aus einer 120 Jahre alten Quelle, die jetzt dem Untergang geweiht ist, wegen PFAS”, sagt Philbiche. Er ist der Bürgermeister von Villy, einem 200-Seelen-Dorf nahe der belgischen Grenze. Seit Juli dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner das Leitungswasser nicht mehr trinken und müssen stattdessen Wasser in Flaschen kaufen. Zwei Liter pro Person und Tag würden von der Gemeinde erstattet, so Philbiche. 

Bisher laufe es besser als gedacht, sagt der Bürgermeister: “Die Menschen haben die Lösung mit der Erstattung gut aufgenommen, sie haben verstanden, wie das läuft. Wofür sie weniger Verständnis haben, ist die Tatsache, dass ihr Trinkwasser verschmutzt ist. Das fällt ihnen schwer zu akzeptieren.”

 

Gesundheitsschädigend, sogar krebserregend?

Laut der Europäischen Umweltagentur können manche PFAS-Chemikalien etwa Leber und Nieren schädigen. Einige stehen außerdem in Verdacht, krebserregend zu sein – was laut der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bislang aber nicht eindeutig belegt ist. Die Internationale Agentur für Krebsforschung in Lyon hingegen hat 2023 eine PFAS-Substanz als krebserregend eingestuft. Drei PFAS-Chemikalien, die als besonders gefährlich gelten – etwa PFOA oder PFOS – sind in der EU bereits verboten oder ihre Nutzung stark eingeschränkt.

Bei der Kontrolle von Lebensmitteln oder Trinkwasser haben PFAS bisher aber keine große Rolle gespielt. In manchen Lebensmitteln, darunter Eier, wird die Konzentration von vier PFAS-Chemikalien überwacht. 2020 hatte die EU außerdem festgelegt, dass Trinkwasser auf 20 PFAS kontrolliert werden muss. Die Summe dieser 20 Stoffe darf 100 Nanogramm pro Liter nicht überschreiten. 

 

EU-Grenzwerte massiv überschritten

In Villy waren die Werte zeitweise fast 30-mal höher. Nachdem die regionale Gesundheitsbehörde die Verunreinigung festgestellt hatte, haben Bürgermeister Philbiche und mehrere Bewohner Bluttests machen lassen. Auch in Philbiches Körper haben sich die Chemikalien angesammelt, wahrscheinlich über Jahre hinweg. Und das macht ihn vor allem wütend.

Hanafi Halil ist Unterpräfekt im nordfranzösischen Département Ardennes und dafür zuständig, mit den betroffenen Gemeinden eine Lösung für die PFAS-Verschmutzung zu finden. Laut der regionalen Gesundheitsbehörde besteht in den insgesamt zwölf betroffenen Gemeinden keine akute Gefahr für die Bevölkerung. Halil betont, das Verbot, Leitungswasser zu trinken, sei eine Vorsichtsmaßnahme, um die möglichen Auswirkungen von PFAS-Substanzen auf die Gesundheit zu reduzieren. Substanzen, von denen eine krebserregend sei und eine andere als möglicherweise krebserregend gelte.

Belasteter Industrieschlamm als Ursache?

Was die Verunreinigung ausgelöst hat, ist nicht ganz klar. Doch es gebe einen Verdacht, sagt Halil: nämlich Industrieschlacken aus einer Papierfabrik im Nachbar-Département Meuse. Diese unter anderem mit PFAS belasteten Schlacken sind wahrscheinlich auf den Feldern in der Nähe der betroffenen Gemeinden gelandet. Denn sie dürften als Dünger verwendet werden, obwohl sie die Ewigkeitschemikalien enthielten, erklärt Unterpräfekt Halil: “Aus dem einfachen Grund, dass diese Schlacken nicht auf PFAS untersucht wurden. Diese Stoffe waren nicht Teil der gesetzlichen Kriterien, nach denen eine Erlaubnis für die Ausbringung der Schlacken erteilt wurde oder nicht.” 

Wie, wo und mit welchen Einschränkungen diese Schlacken auf den Feldern landen dürfen, ist in Frankreich genau geregelt. In der Nähe von Grundwasser-Entnahmestellen etwa hat der Industrieschlamm nichts verloren. 

Philbiche hat den Verdacht, dass diese Vorschriften ignoriert wurden. Doch die Verantwortlichen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, dürfte extrem schwierig werden: Denn die Papierfabrik hat dichtgemacht – und die ehemalige Betreiberfirma betont auf ARD-Anfrage, dass sie sich zu den Vorwürfen nicht äußern wolle.

Teure Lösung, aber das Problem bleibt

Immerhin stehe das Problem jetzt auf der Tagesordnung der Behörden, sagt Bürgermeister Philbiche. Doch die Vorschläge der Präfektur hält er für nicht ausreichend: “Deren Lösung ist jetzt, dass wir uns an die Versorgung eines Nachbardorfes anschließen. Das würde uns aber etwa 700.000 Euro kosten. Die Behörden suchen eine Lösung – aber sie versuchen nicht, die Ursache des Problems zu bekämpfen. Ihre Lösung ist erstmal nur, die Leute zu beruhigen.”

Ab Mitte Januar werden die Vorschriften der EU-Trinkwasserrichtlinie Pflicht. Dann muss das Trinkwasser auch in Frankreich standardmäßig auf 20 PFAS kontrolliert werden. Das Problem könnte also weitere Gemeinden treffen – die dann möglicherweise auf dem Trockenen sitzen. 

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