Für die ukrainischen Verteidiger spitzt sich die Lage an der Front weiter zu. Es fehlt an Soldaten, die Kritik an der Führung wächst. Der neue US-Plan könnte die Schwäche ausnutzen, befürchten viele.
Ein neuer Vorstoß zur Beendigung des Krieges wird in der Ukraine mit großer Skepsis aufgenommen. Denys, ein ukrainischer Militärseelsorger, lehnt den von den USA und Russland vorgeschlagenen 28-Punkte-Plan ab. Er sei vielmehr eine Aufforderung zur Kapitulation, sagt Denys der Nachrichtenagentur AP: “Wofür sind so viele von unseren Leuten gestorben?”, fragt er. “Das bringt uns keinen Frieden. Heute geben wir ihnen Gebiete, und morgen werden sie nur noch mehr fordern.”
So wie Denys denken viele Menschen im Land. Gleichzeitig aber steht die Ukraine wirtschaftlich, politisch und vor allem militärisch unter enormem Druck. Dem Land stehe die schwierigste Zeit seit Beginn des russischen Angriffskriegs bevor, meint Serhii Rachmanin, Oppositionspolitiker und Mitglied des Verteidigungsausschusses. Für die weitere Verteidigung des Landes fehle es vor allem an Personal.
An der Front fehlt das Personal
Das Problem sei so groß, dass zwischen den Verteidigungsstellungen der ukrainischen Armee teilweise mehrere Kilometer liegen würden, berichtet Rachmanin der Zeitung Ukrainska Prawda. “Weil uns das Personal fehlt, können die Russen auf diesen Kilometern dann durchschlüpfen”, sagt er. Das geschehe in kleinen Gruppen nachts und im Schutz des Nebels. “Eine Drohne entdeckt sie, tötet fünf, aber einer kommt durch. Und dann noch einer. Und so sammeln sie sich an.”
Bisher habe die Ukraine keine Antwort auf diese Infiltrationstaktik der russischen Truppen gefunden. Und kaum mehr die Kraft, russische Soldaten, die sich einmal festgesetzt haben, wieder zurückzuschlagen. So rückt Russland langsam, aber stetig weiter vor. Eine Lösung ist aktuell nicht in Sicht. Im Gegenteil.
Auch der Oberkommandierende Oleksandr Syrskyj gerate zunehmend in die Kritik, sagt Rachmanin: “Er neigt zu Mikromanagement. Er unterdrückt die Initiative der Kommandeure.” Sie sähen sich gezwungen, sich einem System anzupassen, das sowohl falsche Berichte als auch Angst vor Entscheidungen mit sich bringe. “Und das verstärkt das Chaos in der Militärführung.”
“Was ist das für ein Plan?”
Und nicht nur an der Front – auch wirtschaftlich und innenpolitisch steht das Land unter Druck. Das könnten die USA nun ausnutzen, befürchten viele. Die Menschen in der Ukraine aber wünschen sich nichts sehnlicher als Frieden. Doch der sei nur mit einer Absicherung vor einem weiteren Vorrücken der russischen Truppen möglich, meinen viele.
Einen Plan für eine effektive Abschreckung Russlands aber gibt es bisher nicht. Rentnerin Oksana in Kiew fühlt sich von den USA bevormundet: “Von einem Friedensplan kann keine Rede sein”, sagt sie. “Die Amerikaner zwingen uns ihre Sichtweise auf. Wir sollen unsere Gebiete abgeben. Was ist das für ein Plan?”
Präsident Wolodymyr Selenskyj betont am Abend erneut seine Bereitschaft für Frieden. An der Lage vor Ort ändert das bisher nichts. Russland besteht nach wie vor auf seinen Maximalforderungen. Will die Ukraine weiter schwächen, während die Besatzungstruppen an mehreren Frontabschnitten stetig vorrücken.

