Video-Trend “Slavic Stare”: Wie die TikTok-Welt auf Osteuropa schaut

Video-Trend “Slavic Stare”: Wie die TikTok-Welt auf Osteuropa schaut

Eine Frau hält ein Mobiltelefon in der Hand

Stand: 20.11.2025 16:20 Uhr

“Slavic Stare”, so nennen Nutzer auf TikTok einen Blick, mit dem reiche Männer verführt werden sollen – von osteuropäischen Frauen. Zehntausende Videos zeigen tief verankerte Stereotype der “osteuropäischen Frau”, sagen Kritiker.

Die Influencer Rezo, Marie Joan und Nadine Breaty lächeln in die Kamera. Dann kneifen sie die Augen zusammen, spitzen die Lippen und versuchen sich an einem Schlafzimmerblick. Die Influencer schreiben in der Überschrift des Videos, dass sie den “Slavic Stare”, also den slawischen Blick üben, damit sie einen Milliardär um den Finger wickeln können. 750.000 Klicks hat das Video.

Trend “sexistisch und antislawistisch”

Es gibt Zehntausende Videos zum “Slavic Stare”-Trend. Im Hintergrund läuft meist ein Sound, in dem eine Stimme mit vermeintlich osteuropäischem Akzent fragt: “Oh my god, how old are you?” Eine andere Stimme antwortet: “Romania”. Einige Videos, die unter diesem Sound gelistet sind, haben bereits Millionen von Menschen erreicht.

Der Trend ist lustig gemeint, dient reiner Unterhaltung. Historiker, Kulturwissenschaftler und Aktivisten kritisieren den Trend allerdings als sexistisch und antislawistisch. “Bei dem Trend werden osteuropäische Frauen auf einen bestimmten Stereotyp reduziert: Besonders kalt und normschön. Aber das ist keine selbstgewählte Zuschreibung”, sagt Anastasia Tikhomirova. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet bei der “Zeit” als Journalistin.

Auf Tiktok gibt es zehntausende Videos zum “Slavic Stare”-Trend.

Wer ist mit dem “Slavic Stare” gemeint?

Aber wer ist eigentlich gemeint mit dem Trend? Welche Menschen sind diejenigen, die einen vermeintlich “slawischen Blick” haben sollen? Russinnen? Polinnen? Oder Rumäninnen, auf die der Sound in den Videos anspielt, obwohl Rumänisch eine romanische und keine slawische Sprache ist?

Slawisch wird oft mit Russisch in Verbindung gebracht. “Slavic Stare” ist oft als “Russian Stare” gemeint, ist also russozentristisch. “Aber es gibt so viele slawische Länder, so dass das man das gar nicht generalisieren kann”, sagt Tikhomirova.

Und genau hier liegt das Problem. Der “Osten”, die “Slawen”, “die slawische Frau”. Polen, Ukraine, Russland, Rumänien – der Logik des Trends zufolge ist alles das Gleiche. Irgendwo “im Osten” sollen diese schönen Frauen sein, die alle auf Geld aus sind.

Unterschiedliche Einflüsse

Diese Stereotype stehen in einer jahrhundertelangen Tradition, sagt Osteuropa-Historiker Hans-Christian Petersen. Seit dem 18. Jahrhundert gebe es in Reiseberichten aus Westeuropa beispielsweise “das Bild der schönen Polin”. Auf den ersten Blick sei dieses Bild positiv, erklärt Petersen. Auf den zweiten Blick sei aber eher gemeint, dass die Frauen sexuell offen seien, lüstern und triebgesteuert – also intellektuell limitiert.

Jurist und Antidiskriminerungs-Trainer Sergej Prokopkin weist darauf hin, dass bei einem internationalen Social-Media-Phänomen wie dem “Slavic Stare” viele unterschiedliche Einflüsse zusammenkommen. Er sagt, dass beispielsweise auch popkulturelle Bilder den Blick auf die “osteuropäische Frau” geprägt haben. Zum Beispiel treten in Hollywood-Filmen normschöne Frauen als kühle Schurkinnen oder Agentinnen auf. Fest stehe allerdings, dass bei dem Trend bestimmte äußere Erscheinungsbilder mit der Herkunft verknüpft werden.

Frauen aus Osteuropa werden sexualisiert

Was sind das für Bilder, die Menschen mit osteuropäischen Frauen verknüpfen? Wenn Anastasia Tikhomirova von ihren Recherchen berichtet, bekommt man schnell das Gefühl, dass das jahrhundertealte Bild der “verfügbaren osteuropäischen Frau” noch in vielen Köpfen verankert ist.

In Internet-Foren hätten sich Männer über den Angriffskrieg auf die Ukraine gefreut, schließlich würden nun Ukrainerinnen nach Deutschland kommen – “als Frischfleisch”, sagt Tikhomirova. Ein anderes Beispiel seien Heirats- oder Partnervermittlungsagenturen, mithilfe derer Männer nach Polen oder in die Ukraine reisten, damit sie sich dort “wie aus einem Katalog” eine Frau aussuchen könnten, so die Journalistin.

Schaut man sich die Internetauftritte solcher Agenturen an, wird teilweise explizit mit dem Bild der schönen Osteuropäerin geworben. So schreibt eine Agentur auf ihrer Website: “Frauen aus Russland, Weißrussland Belarus und der Ukraine sind sehr familiär, legen viel Wert darauf, ihre Weiblichkeit zu betonen und gehen für Ihren Mann durch dick und dünn.”

Stereotyp von der “gewissen Bereitschaft”

Solche Zuschreibungen scheinen auch Männern in der mittlerweile abgesetzten RTL-2-Sendung “Traumfrau gesucht” wichtig zu sein, die versuchen ihre Traumfrau mithilfe solcher Agenturen zu finden.

“Die zeigt schon eine gewisse Bereitschaft”, kommentiert der 50-jährige Kandidat Walther in einer Folge das Bild einer russischen Frau. Und dann: “Das ist für mich sehr wichtig, dass meine zukünftige Frau mich in hübschen Dessous überrascht.” Kurz zuvor hatte die Stimme aus dem Off versucht, zu erklären, warum Walther seine Traumfrau in Osteuropa suchen will: “Von deutschen Frauen will der Reiseverkehrskaufmann nichts wissen. Die sind ihm zu reserviert, besonders in Sachen Romantik.”

Antislawismus als Teil der nationalsozialistischen Ideologie

Es gibt viele Beispiele, bei denen vor allem Männer Frauen aus Osteuropa aufgrund ihrer Herkunft sexualisieren. Den TikTok-Trend “Slavic Stare” kann man dazuzählen. Laut Historiker Petersen werde osteuropäischen Frauen in dem Trend unterstellt, sie wären vor allem darauf aus, mittels ihres Äußeren Erfolg zu haben oder reiche Männer zu finden, womit ihnen eigentlich alle anderen Fähigkeiten abgesprochen werden. Wenn man ein bisschen über den Trend nachdenke, sagt der Historiker, dann sehe man, dass die Menschen auf die Triebhaftigkeit reduziert würden. Dann werde ihnen Beschränktheit unterstellt.

Diese Bilder sind eng verwoben mit der Erzählung des “rückständigen, barbarischen Ostens” im Gegensatz zum “hellen, zivilisierten” Westen. Diese Vorstellung hat vor allem in Deutschland eine lange Geschichte und findet im Nationalsozialismus ihren tragischen Höhepunkt. Menschen aus Osteuropa wurden als “slawische Untermenschen” bezeichnet, ermordet oder mussten Zwangsarbeit leisten.

Mehrfache Diskriminierung

Bis heute erleben Menschen aus Osteuropa Abwertung. Sie haben beispielsweise oft schlechtere Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt oder werden in “Polenwitzen” als kriminell dargestellt. Journalistin Tikhomirova fordert deshalb mehr Bildung über verschiedene Diskriminierungsformen, vor allem an Schulen. Sie betont dabei: Der Antislawismus richte sich gegen Menschen aus Osteuropa im Allgemeinen. Aber es gebe besonders vulnerable Gruppen.

Als Beispiel nennt sie ukrainische Frauen, die als Geflüchtete nach Deutschland kommen. Diese seien oft in einer prekären Lage und können mehrfach von Diskriminierung betroffen sein, zum Beispiel durch Sexismus, Antislawismus, aber auch durch Ukraine-Feindlichkeit aufgrund von russischer Propaganda.

Auch osteuropäische Frauen machen mit beim “Slavic Stare”-Trend

Doch wenn der TikTok-Trend “Slavic Stare” antislawistisch und sexistisch ist, warum gibt es dann zahlreiche Frauen mit russischen, polnischen, kroatischen Wurzeln, die den Trend auf Social Media mitmachen? Sich teils sogar über die kläglichen Versuche “westlicher” Nutzer lustig machen?

“Wenn man als betroffene Person bestimmte Klischees über sich selbst reproduziert, dann kann man dadurch auch die Macht wiedergewinnen”, sagt Tikhomirova. Doch der Grat zwischen Selbstermächtigung und dem Wiederholen von Stereotypen ist schmal, wendet Jurist und Antidiskriminerungs-Trainer Prokopkin ein.

Einige osteuropäische Menschen könnten mit den Stereotypen spielen und sich so auf TikTok vermarkten, so Prokopkin. Aber: Die Selbstermächtigung in diesem Sinne passiere nur im Rahmen von kapitalistischen Verwertungslogiken. Das heißt: Eine Person profitiere, weil sie mit diesem Stereotyp spiele. Für die Gruppe sei es meist schädlich.

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