Das Sperrgebiet um das ehemalige AKW Tschernobyl wird regelmäßig bei russischen Angriffen getroffen. Die nukleare Gefahr ist groß. Die verbliebenen ukrainischen Wissenschaftler sind auf sich allein gestellt.
Zwischen Birken, Ruinen und verrosteten Warnschildern liegt eines der gefährlichsten Forschungsgebiete Europas: die Sperrzone von Tschernobyl in der Ukraine. Noch immer ist sie radioaktiv verseucht – und seit Beginn des russischen Angriffskriegs Frontgebiet. Wochenlang war das Areal von Russland besetzt, es ist weitgehend vermint und steht immer wieder unter Beschuss.
Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion hatte sich 1986 die weltweit folgenschwerste Nuklearkatastrophe zugetragen. Laut Schätzungen starben über die Jahre Tausende Menschen an den Folgen. Um das AKW wurde ein Sperrgebiet mit einem Radius von 30 Kilometern eingerichtet.
Im Sperrgebiet um Tschernobyl liegt auch die Geisterstadt Pripjat. Vor der Nuklearkatastrophe lebten hier knapp 50.000 Menschen.
Proben aus dem verseuchtesten See der Welt
Trotzdem arbeiten hier weiter einige ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hennadij Laptjew vom Hydrometeorologischen Institut steht am Ufer des ehemaligen Kühlteichs, nur wenige Kilometer vom zerstörten Reaktor 4 entfernt.
“Dieser See ist eines der radioaktiv am stärksten verseuchten Gewässer der Welt”, sagt er. Im Schlamm liegt die Geschichte der Katastrophe, sie nennen ihn hier “ein Archiv der Strahlung”. Sollte er bei einem russischen Angriff getroffen werden, könnte er zur Gefahr für Tausende werden.
Für die Forschung sind die hier entnommenen Proben unverzichtbar, um Strahlungsverläufe zu rekonstruieren oder mögliche Gefahrenquellen zu erkennen. Die Wissenschaftler wissen: Jeder Angriff kann dieses sensible Gleichgewicht stören.
Die Schutzhülle über dem explodierten Reaktor in Tschernobyl wurde bei russischen Angriffen beschädigt.
Im Korridor russischer Drohnen und Raketen
Die Sperrzone liegt heute im Flugkorridor russischer Drohnen und Raketen – etwa auf dem Weg zur ukrainischen Hauptstadt Kiew. Viele werden hier abgeschossen, ihre Trümmer stürzen in das verseuchte Gebiet. Erst in diesem Jahr traf eine russische Drohne den Schutzmantel über dem zerstörten Reaktorblock.
Der ehemalige Ingenieur Wolodymyr Werbytskyj spricht von einer extrem gefährlichen Situation: Die Schutzhülle sei beschädigt, die Dichtigkeit verloren. Die Internationale Atomenergiebehörde bestätigte anschließend einen leichten Schaden an der äußeren Stahlstruktur, stellte jedoch keine erhöhte Strahlung fest.
Trotzdem bleibt die Gefahr groß: Der Druckausgleich der Schutzhülle funktioniere nicht mehr, betonen die Wissenschaftler vor Ort.
Wolodymyr Werbytskyj spricht von einer extrem gefährlichen Situation in Tschernobyl.
Was wären die Folgen eines Treffers?
Da das Gebiet ein militärisches Ziel ist, könnte ein direkter Treffer kontaminierte Staubpartikel erneut freisetzen – mit unvorhersehbaren Folgen für die gesamte Region. Für die Forscher bedeutet das: Daten sammeln, um zu verstehen, was ein weiterer Treffer oder etwa ein Waldbrand im Gebiet auslösen würde und welche Folgen das für Umwelt und Bevölkerung hätte.
“Wir mussten berechnen, was mit Kiew geschehen würde, wenn der Damm des Kühlteichs zerstört würde”, erklärt Laptjew. Das Wasser aus dem Teich fließt in die Prypjat, die wiederum in den Fluss Dnipro mündet, der eine Trinkwasserquelle für Millionen Menschen ist.
Die Gefahr ist nicht theoretisch: Als Russland 2023 den Damm von Nowa Kachowka sprengte, zeigte sich, wie groß das Risiko ökologischer Folgeschäden ist. Auch in Tschernobyl wäre ein solcher Bruch verheerend. Radioaktive Sedimente könnten in Flüsse gespült werden, die bis ans Schwarze Meer reichen.
Die Leiterin des Analyselabors, Bohdana Kotyk, berichtet von der Zerstörung, die russische Soldaten im Labor angerichtet hatten.
Zerstörung durch russische Besatzung
Im zentralen Analyselabor mitten im Sperrgebiet, dem sogenannten Ecocenter, versuchen die verbliebenen Expertinnen und Experten, ihre Arbeit fortzusetzen. Während der russischen Besatzung wurden Geräte geplündert, Daten gelöscht, Räume und Technik zerstört, radioaktive Proben wurden gestohlen oder zerstört. Die russischen Soldaten hinterließen Chaos.
Messnetze mussten neu installiert, Datenbanken aus Papierrekonstruktionen erstellt werden. “Wir haben vieles wieder aufgebaut”, sagt Laborleiterin Bohdana Kotyk, doch es gebe nicht mehr ausreichend Proben zu analysieren – gerade einmal etwa fünfzig Prozent im Vergleich zur Vorkriegszeit, sagt sie. Zudem seien viele Orte noch immer vermint oder militärisch gesperrt.
Seitdem internationale Wissenschaftler kaum mehr nach Tschernobyl reisen, sind die ukrainischen Wissenschaftler großteils auf sich allein gestellt.
Verlust internationaler Expertise vor Ort
Früher forschten hier Teams aus aller Welt, internationale Forscherinnen und Forscher reisten regelmäßig an. Heute ist das kaum möglich, viele Länder verbieten ihren Wissenschaftlern aus Sicherheitsgründen Reisen in die Zone. Viele Partner sind weg, Projekte gestoppt, Gelder versiegt – und das in einer Zeit, in der wissenschaftliche Daten aus dem Sperrgebiet wichtiger sind denn je.
Den wenigen ukrainischen Fachleuten bleibt vor allem die Routine: Messungen, Proben, Auswertungen, so gut es geht. Denn das Wissen über diese einzigartige Zone soll nicht verloren gehen. “Wenn wir aufhören zu messen, weiß niemand mehr, was hier passiert”, sagt einer der Wissenschaftler.
Einige Geräte senden ihre Daten inzwischen automatisch nach Kiew. So soll wenigstens die Grundüberwachung der Strahlung aufrechterhalten bleiben, selbst wenn niemand mehr in die Zone dürfen sollte.
Doch auch das ukrainische Team vor Ort schrumpft: Viele der erfahrenen Experten sind im Ruhestand, im Ausland – oder an der Front. Junge Kollegen kämen kaum nach, sagen die Wissenschaftler vor Ort.
Jene Wissenschaftler, die geblieben sind, arbeiten hart, um die Strahlung zu überwachen und Daten zu sichern. Einst war Tschernobyl ein Symbol internationaler Zusammenarbeit. Heute steht es für Durchhalten im Ausnahmezustand.

