Was schafft es in die 20-Uhr-Ausgabe der tagesschau? Und wie arbeitet die Redaktion? Auf der Suche nach Antworten haben sich 250 junge Erwachsene beim Dialogformat “Mitmischen!” einen Nachmittag lang eingebracht.
Wenn um 20 Uhr der Gong der tagesschau ertönt, sitzen im Schnitt 9,5 Millionen Menschen an TV-Bildschirmen, Laptops oder Handys, um sich zu informieren. In 15 Minuten liefert Deutschlands älteste Fernsehsendung einen Überblick über das Geschehen des Tages, Nachrichten aus Deutschland und der ganzen Welt. Zwischendurch halten weitere TV-Ausgaben, tagesschau.de und die Social-Media-Auftritte die Menschen in Deutschland auf dem Laufenden.
Doch wann ist eine Nachricht eine Nachricht für die tagesschau – und wie kommt ein Thema in die Sendung? Antworten gab es im Rahmen des ARD-Jugendmedientags beim Dialogangebot “Mitmischen!” bei der tagesschau. Mitmachen konnten 250 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Sie alle haben sich zuvor dafür angemeldet. Statt nur einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, konnten sie selbst mitmischen.
Erstmal einen Überblick schaffen
Die tagesschau entsteht bei ARD-aktuell in Hamburg-Lokstedt. Wie die Redaktion arbeitet, erfuhren die “Mitmischerinnen” und “Mitmischer” zu Beginn “ihrer Schicht” während einer digitalen Führung. Tagesschau24-Moderatorin Damla Hekimoğlu zeigte den Newsroom von ARD-aktuell samt Fernsehstudio.
Danach ging es weiter zur Themenplanung. Die zuständige Chefin vom Dienst, Andrea Hahnen erklärte, wie ein Sendeplan entsteht und welche Umsetzungsformen es gibt. Eine tagesschau-Sendung ist ohne die neun Landesrundfunkanstalten und die 28 Auslandsstudios undenkbar. Ein Großteil dessen, was die tagesschau sendet, wird dort produziert. In 13 Workshops stellten sich die “Zulieferredaktionen” vor.
Was schafft es in die Sendung? Darüber diskutierten die Teilnehmenden der “Mitmischen!”-Aktion mit der Redaktion.
Wo tagesschau drauf steht, stecken neun Rundfunkanstalten drin
Und dann ging es an die Arbeit. Im Angebot: Ein BRISANT-Beitrag des Hessischen Rundfunks (HR) zu einem Gemälde, das Taylor Swift wahrscheinlich als Inspiration für ein Musikvideo diente. Die Länge des Stücks: Drei Minuten. Zu lang für die kompakte 20-Uhr-Sendung. Wo kann gekürzt werden, fragte Janine Hilpmann vom HR die Teilnehmenden von “Mitmischen!”. Timo, Ellen, Dominik und Carla-Sophie waren sich einig, zwei Interviewantworten können zusammengeführt werden, außerdem kann eine Szene in der Mitte raus.
Die Medieninteressierten durften aber auch selbst produzieren. Gemeinsam mit Eva Frisch und Philipp Merz vom Bayerischen Rundfunk ging es in den Schnitt. Das Ergebnis. Ein Film zu einer vergangenen Sprengstoffwarnung auf dem Oktoberfest in München. Aus dem Workshop nimmt die Gruppe mit, “dass bei Nachrichtenbeiträgen mit Video erst der Text stehen muss und dann die passenden Bilder gesucht werden”.
Themenkonferenz der 20-Uhr-tagesschau
Was es in die 20-Uhr-Ausgabe schafft, wird jeden Tag kontrovers diskutiert. Auch heute – und die “Mitmischen!”-Redaktion stimmt mit ab. So weit liegen die Pläne für die Sendung zwischen dem ARD-aktuell-Team und den “Mitmischern” gar nicht auseinander, stellt der Chef der Hauptausgabe fest. Allen ist die Schmiergeldaffäre in der Ukraine und die Wehrdienstdebatte im Bundestag wichtig.
Anders beim Nachlass von Loriot: Das Sendeteam will am Ende noch einen Beitrag dazu senden, die “Mitmischerinnen” und “Mitmischer” finden das vergleichsweise uninteressant. Diskussionen gibt es auch über den Aufmacher – den ersten Beitrag der Sendung: Soll es die Bundeswehr werden oder die Ukraine?
“Mitmischer” Merlin würde mit der Ukraine beginnen, denn bei der Wehrdienstdebatte gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nichts Neues, argumentiert er. “Und auch wenn das Ausland ist – das hat auch Auswirkungen auf uns”, betont Merlin. Klaus Müßigbrodt, Abteilungsleiter des Sendeteams, kann das verstehen. Die tagesschau-Redaktion zieht mit und entscheidet sich um: Die Korruptionsaffäre läuft als erster Beitrag.
Wie nah ist die tagesschau an der Lebensrealität?
Einiges zu lernen gibt es auch für ARD-aktuell. Wie nah ist die tagesschau dran, an der Lebensrealität der Teilnehmenden, wollen Matthias Deiß aus dem ARD-Hauptstadtstudio, Isabella David-Zagratzki, Geschäftsführerin von tagesschau24 und Leiterin der tagesschau-Social-Media-Redaktion, sowie Christin Bohmann, Chefredakteurin des Mitteldeutschen Rundfunks, wissen.
Daraufhin meldet sich Carla-Sophie. Sie komme aus einem 250-Einwohner-Dorf. In den Angeboten der tagesschau sehe sie aber oft nur junge Menschen aus der Großstadt. Das Dorfleben sei meist nur interessant, wenn es etwas Kurioses oder Absurdes gebe. Ein Nicken geht durch den Konferenzraum. “Ja, da hast du einen Punkt, ganz klar”, gibt ARD-aktuell-Chefredakteur Marcus Bornheim zu. Er verweist auf das Format tagesthemen mittendrin – eine Rubrik, in der jeden Abend darauf geschaut werden soll, was Menschen vor Ort umtreibt. An der Ausweitung ähnlicher Angebote “arbeiten wir dran”. Die tagesschau brauche Perspektivenvielfalt, betonte Bornheim.
Der Austausch mit der “zugewandten, medienaffinen und konstruktiven Gruppe” sei ein Erfolg gewesen. Moderatorin Hekimoğlu pflichtet bei: “Es war inspirierend zu sehen, mit wie viel Offenheit, Neugier, konstruktivem Feedback, tiefgründigen Fragen und Verantwortungsgefühl die jungen ‘Mitmischenden’ an gesellschaftliche Themen herangehen.”
