Immer mehr Jugendliche in Deutschland verlieren sich in sozialen Medien und schaffen den Ausstieg nicht mehr allein. Im Bundestag wird ein Social-Media-Verbot diskutiert. Wie geht es Betroffenen?
“Bis heute bin ich fast sieben Monate clean.” Clean – das sagt Toni Nolde ganz bewusst. Denn für sie war Social Media nicht nur ein Zeitvertreib, sondern eine Sucht. Die 25-jährige Berlinerin fühlte sich krank. “Ein Rückfall wäre, wenn ich in das Verhaltensmuster zurückkomme von: Ich kann nicht aufhören. Ich bin jeden Tag wieder acht Stunden am Scrollen.”
Toni begann mit 13 Jahren, viel Zeit auf YouTube und später auf Instagram zu verbringen. Online fand sie, was sie offline vermisste: Anerkennung, Ablenkung, Nähe. Über die Jahre wurde aus Gewohnheit eine Abhängigkeit.
Dabei ist sie längst kein Einzelfall. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mediensuchtgefährdet. Ein Anstieg von 126 Prozent seit der Corona-Pandemie.
Warnsignale werden oft spät erkannt
Michael Kroll, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum in Leipzig, erlebt das täglich. In der spezialisierten Suchtstation “Teen Spirit Island” behandelt er Jugendliche, die den Ausstieg allein nicht mehr schaffen.
Wenn Kinder mit gestörter Mediennutzung zu ihm kommen, sind in der Regel auch andere Bereiche betroffen. Viele sind depressiv, ängstlich oder berichten von verstörenden Erlebnissen. Zuflucht finden sie in sozialen Medien.
“Wenn das, was bisher normales Aktivitätsverhalten war, durch Mediennutzung verdrängt wird – weniger Hobbies, weniger Treffen mit Freunden, weniger Teilnahme am Familienleben – das sind Warnzeichen”, erklärt Kroll.
Entsprechend intensiv und langwierig ist der Entzug. Eine Behandlung dauere mehrere Monate, teils komplett offline, begleitet von Therapie, Alltagstraining und Familienarbeit.
Petition “Social Media ab 16” im Bundestag
“Der Medienkonsum der eigenen Kinder ist die aktuell größte Sorge von allen Eltern in Deutschland”, sagt Verena Holler von der Elterninitiative “Smarter Start”. Mehr als 250.000 Unterschriften konnte sie für die Forderung “Social Media ab 16” sammeln. Gemeinsam mit anderen Eltern diskutierte sie die Petition gestern im Ausschuss des Bundestages.
Konkret fordert die Initiative ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für kommerzielle Social-Media-Plattformen wie Instagram, Snapchat oder TikTok. Als Vorbild gelten Länder wie Australien, das ab dem 10. Dezember 2025 soziale Medien für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren komplett verbieten wird.
Laut ifo-Bildungsbarometer spricht sich mittlerweile sogar etwa die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland für ein Mindestalter aus.
Für Holler war die gestrige Anhörung daher ein erster wichtiger Schritt. Sie zeige, dass das Thema Mediensucht auch in der deutschen Politik angekommen ist.
Schutzräume für Jugendliche und Aufklärung
Doch Toni Nolde weiß, dass Verbote allein nicht reichen werden. Sie hat mehrfach versucht loszukommen, ist aber immer wieder rückfällig geworden. Es brauche mehr Schutzräume und Aufklärung für Jugendliche, die suchtgefährdet sind oder schon tief in der Sucht stecken, sagt sie.
Hilfe fand sie vergangenes Jahr bei “Log Out”, einer der größten Selbsthilfegruppen für Menschen mit problematischer Mediennutzung in Deutschland. Der wöchentliche Austausch mit anderen medienabhängigen Menschen half ihr, ihre Sucht und die Beweggründe besser zu verstehen.
Außerdem werde Mediensucht hier ernst genommen. “Allein das hat mir geholfen zu sagen: Ich bin nicht verrückt, dass ich sage, ich möchte das nicht mehr. Sondern es gibt Menschen, denen geht es ähnlich wie mir.”
Heute fühlt sich Toni gesund. Sie selbst nennt es clean. In ihrer App zählt sie die Tage, seit sie nicht mehr auf Plattformen wie Instagram unterwegs ist. Trotzdem trifft sie sich weiterhin jede Woche mit der Selbsthilfegruppe und unterstützt heute andere beim Ausstieg aus der Sucht. Denn sie weiß: Es geht – ein Leben ohne Social Media.
Enno Hinz, ARD Berlin, tagesschau, 11.11.2025 11:58 Uhr
