Auschwitz war ein Zentrum des Holocausts. Es gibt nur noch wenige, die heute davon berichten können. Einer der letzten Zeitzeugen ist Stanislaw Zalewski. Das Erlebte hat er lange verdrängt. Von Martha Wilczynski
Mit Menschen, die den Holocaust leugnen, diskutiert Stanisław Zalewski gar nicht erst: “Ich sage nur höflich: Hör zu, ich gebe dir Geld für das Ticket. Fahre nach Auschwitz und sieh dir an, was war.” Zalewski ist der Vorsitzende der Polnischen Vereinigung der ehemaligen Häftlinge der politischen Gefängnisse und Konzentrationslager Hitlers – und einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen.
Er war 14 Jahre alt, als die Nazis seine Heimat überfielen. Mit 17 wurde er als Anhänger des polnischen Widerstands von der Gestapo festgenommen und bald darauf nach Auschwitz gebracht.
Erinnerung an jedes Detail
Auch heute noch, mit 100 Jahren, erinnert er sich an jedes Detail. “Es war eine dunkle Nacht. Wir wurden in eine leere Baracke geführt und dort blieben wir bis zum Morgen ohne Essen, ohne irgendetwas.” Knapp einen Monat verbrachte Zalewski in Auschwitz. In dieser Zeit sah er die Gräuel der Vernichtungsmaschinerie aus nächster Nähe.
“Meine Baracke in Auschwitz war neben der Frauenbaracke”, erzählt er. “Eines Morgens durften wir unsere Baracke nicht verlassen. Plötzlich wurden aber die Frauen alle nach draußen gebracht und dort aufgestellt. Lastwagen kamen und sie wurden buchstäblich wie Ware eingeladen.”
Als den Frauen klar wurde, dass sie ins Krematorium gebracht würden, hätten sie angefangen zu weinen und zu schreien. Dieser Moment verfolgt Zalewski bis heute. “Wenn ich jetzt mit ihnen spreche, höre ich es noch immer, aber ich versuche, nicht hinzuhören.” Später habe der Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums verraten, was mit den Frauen passiert war.
Mehr als eine Millionen Menschen ermordet
Im Gegensatz zu 1,1 Millionen Ermordeten, hat Zalewski das Lager Auschwitz überlebt. Aufgrund seiner Ausbildung als Mechaniker wurde er nach nur wenigen Wochen als Zwangsarbeiter in die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen nach Österreich gebracht.
Gerettet habe ihn vor allem sein Mantra, das er jeden Abend wie ein Gebet wiederholte: “Ich sagte, ich muss zurück zu meiner Familie, zu meinem Vater, zu meiner Mutter, ich muss zurück zu meinen Kollegen. Ich muss zurück, ich muss überleben.”
Nach dem Krieg war seine Überlebensstrategie, nicht über das Erlebte zu sprechen. Noch nicht einmal daran zu denken. “Ich habe meine Erinnerungen an das Lager in eine wasserdichte Box gepackt und versenkt und dann habe ich ganz normal gelebt.”
Erst als Reporter kamen, habe er diese Erinnerungen wieder rausgeholt und alles erzählt. Dann habe er sie wieder verschlossen und weggepackt. “Das muss man lernen. Auch für mich hat das nicht sofort geklappt.”
Reise nach Auschwitz zum Gedenktag
Heute, am 81. Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz, wird Zalewski diese Kiste wieder öffnen. Gemeinsam mit seinem 80-jährigen Sohn wird er von Warschau nach Auschwitz reisen, an der offiziellen Gedenkfeier teilnehmen und an das erinnern, was er selbst gerne vergessen, aber niemals vergeben will.
“Es ist ein Vergessen auf meine Art. Ich kann die Kiste jederzeit rausholen und wieder daran erinnern. Vergessen ja, aber nicht vergeben. Das ist der Unterschied.”
