1.425 Tage wurde Sarajevo im Bosnien-Krieg belagert, fast vollständig umstellt von Truppen der bosnischen Serben. Was von dieser Zeit bleibt, lässt sich vor Ort bei einer Führung für Touristen nachvollziehen.
Faruk Šabanović erinnert sich noch genau an dem Tag, als die Kugel ihn traf. “Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der 3. März 1995, der erste Tag nach Ende des Ramadans. Ich war draußen auf der Straße, um mir beim Nationalmuseum den Sonnenuntergang anzuschauen”, so der 51-Jährige. “Dann wurde ich angeschossen”.
Die Kugel traf Šabanović in die Wirbelsäule. Das Leben ist für ihn seit diesem Tag ein Leben im Rollstuhl. Es war einer von 1.425 Tagen der Belagerung von Sarajevo. Mehr als 400.000 Menschen in der Stadt waren während dieser Zeit fast vollständig abgeschnitten. Es gab kaum Strom, Wasser oder Lebensmittel, dafür aber permanentes Feuer durch die Truppen der bosnischen Serben aus den Bergen rund um die Stadt.
Selbst kleinste Strecken waren lebensgefährlich: Ein Einwohner von Sarajevo rennt im Mai 1992 über eine Straße, um nicht Ziel von Scharfschützen zu werden.
“Aus dem Haus gehen war lebensgefährlich”
Videos aus der Zeit zeigen Menschen, die um ihr Leben über die Straße rennen; Autos, die mit Vollgas durch die Stadt fahren, denn immer wieder fallen Schüsse. Viele Teile der Stadt waren wegen der Tallage für die Scharfschützen frei einsehbar. Aus dem Haus zu gehen, war lebensgefährlich, sagt Šabanović im ARD-Interview.
Was machst du, wenn es im ganzen Gebäude kein Wasser gibt? Du musst rausgehen, eine Wasserstelle finden und gucken, dass du am Leben bleibst. Aber jeder Meter zwischen den Gebäuden stand unter Beschuss.
Šabanović lebt heute in einer mehrheitlich bosniakisch geprägten Stadt, die ein lebendiges Zentrum hat und Multi-Kulti ist: Moscheen stehen neben Kirchen, sozialistische Wohnblock-Hochhäuser nur unweit von Fassaden im K-und-K-Stil. Die Restaurants und Geschäfte in der Altstadt sind voll, viele Touristen sind vor Ort. Die Spuren des Kriegs fallen dazwischen nicht sofort auf.
Manchmal boten große Fahrzeuge einen gewissen Schutz – oder Soldaten. Hier erwidert ein bosnischer Soldat im April 1992 im Zentrum von von Sarajevo das Feuer, als er und Zivilisten von serbischen Scharfschützen beschossen werden.
Touristen auf der einstigen “Scharfschützen-Allee”
Vor 30 Jahren war das anders, weiß Adnan Hasanbegović. Während des Krieges hat er als Soldat der bosnischen Armee gegen die serbischen Einheiten in den Bergen gekämpft. Heute fährt er für Touristen die neuralgischen Punkte der Belagerung ab.
Die Tour startet an einem bekannten Markt für Obst, Gemüse oder Brot, an dem im Februar 1994 eine Mörsergranate einschlug. Es gab 68 Tote und über 140 Verletzte. Anderthalb Jahre später tötete in der Nähe erneut eine Mörsergranate mehr als 40 Menschen. Es sind diese Geschichten, die Adnan erzählt, während die Tour weiter geht, über die Hauptverkehrsader der Stadt.
Auf dieser Straße gab es kaum Deckungsmöglichkeiten, sie wurde darum als sogenannte Sniper-Alley, als Scharfschützen-Allee, bekannt – es ist auch die Straße, auf der Faruk Šabanović in den Rollstuhl geschossen wurde.
Der Veteran Adnan Hasanbegović fährt die Touristen anschließend aus dem Zentrum in die Hügel rund um Sarajevo. Er hält an der olympischen Bobbahn der Winterspiele von 1984. Damals ging es auf dem Gelände um Medaillen, ein paar Jahre später um Leben und Tod. “Diese Bobbahn war die Frontlinie. Auf der einen Seite waren die serbischen Truppen, auf der anderen die bosnischen”, sagt Hasanbegović während er mit dem Finger Richtung Startblock deutet “und da oben war die strategisch wichtige Position der serbischen Artillerie”.
Aufarbeitung der Vergangenheit
Es sind diese Eindrücke, die während der Tour Abstraktes konkret machen. Noch deutlicher wird es, als Hasanbegović die Gruppe danach zum jüdischen Friedhof fährt. Auch er liegt auf einer Erhöhung und sei eine der wichtigsten Positionen für Sniper gewesen. Warum, wird sogar Laien schnell klar. Die Zivilisten auf den Straßen sind vom Friedhof aus mit bloßem Auge zu erkennen, umgekehrt aber nicht.
Der Friedhof ist auch der Ort, wo Hasanbegović zum Fazit der Tour ansetzt. Er habe sich nach dem Krieg und einer posttraumatischen Belastungsstörung in Dialog- und Versöhnungsinitiativen engagiert. Dabei kommen Kriegsveteranen aller Seiten zusammen. “Das war gut”, sagt Hasanbegović: “Viele Serben, die während des Krieges meine Feinde waren, sind nicht unbedingt schlechte Menschen. Einige von ihnen wurden zum Kämpfen gezwungen oder waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie sind für mich nicht hasserfüllt oder Faschisten.”
Wurden Feuerpausen vereinbart, konnten die Bewohner Sarajevos für ein paar Stunden ungefährdet Besorgungen machen, wie hier im Juni 1992.
Die Zeit nach dem Dayton-Abkommen
Wenn Hasanbegović die Brücke ins Jetzt schlägt, sagt er, dass das Friedensabkommen von Dayton kompliziert gewesen sei, genau wie die gegenwärtige politische Situation in Bosnien mit seinen zwei Entitäten; der Föderation Bosnien und Herzegowina und dem serbisch dominierten Landesteil, der Republika Sprska. “Aber”, so Hasanbegović: “Dayton hat den Krieg und damit letztlich auch die Belagerung von Sarajevo beendet”. Menschen, die danach geboren sind, hätten anders und besser aufwachsen können als er.
Der Schauspieler Dino Bajrovic ist einer dieser Menschen. “Meine Kindheit in Sarajevo war wunderschön. Ich erinnere mich noch, wie wir immer in den Ruinen gespielt haben. Erst als ich älter wurde, habe ich kapiert, was der Krieg für Schaden angerichtet hat, in der Gesellschaft und ganz Bosnien.”
Extrem hohe Opferzahlen
Dino Bajrovic war Teil des bosnischen Films Quo vadis, Aida?, der 2021 für einen Oscar nominiert war. In dem Film geht es um die Tage vor dem Genozid in Srebrenica. Das ist für den Schauspieler auch mit der Belagerung von Sarajevo verbunden. “Die Botschaft dieses Films ist: Die Leute müssen die Wahrheit verstehen. Es war ein Genozid, das wurde lange geleugnet.” Die Umstände in Srebrenica und Sarajevo seien unterschiedlich gewesen, die Zahl der Toten aber an beiden Orten extrem hoch.
Die Belagerung von Sarajevo hat mehr als 11.000 Menschen das Leben gekostet. Drei Generäle der bosnisch-serbischen Truppen wurden dafür vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt, darunter auch Oberbefehlshaber Ratko Mladic. Er verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe, unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Seit Dezember 2022 hat Bosnien und Herzegowina den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Viele Menschen hoffen auf den Beitritt, doch die Zerrissenheit des Landes bremst den Prozess.

